Negativ-Dekadente Jugendliche

PM Hoffmann und Bernd Lindner berichten von ihrer literarischen Annäherung an die Punk-Szene der DDR. 

Die wenigen geöffneten Fenster können der stickigen Luft im Raum kaum Abhilfe schaffen. Das Seminarraum-Feeling ist authentisch; dicht gedrängt sitzen die Zuhörenden in der vierten Etage des Zeitgenössischen Forums. Als dann auch noch die vorbereitete Präsentation streikt und ein junger technikaffiner Mitarbeiter des Forums zu Hilfe eilt, fühle ich mich wirklich in eines meiner Geschichtsmodule versetzt.

Etwas verwundert bin ich doch ob des großen Andrangs für die Veranstaltung. Zumal ich den Großteil des Publikums zuerst weder als große Punkenthusiasten noch als Comicfans eingeschätzt hatte. Und auch die beiden Schöpfer der Graphic Novel vorne sehen eher bürgerlich aus. Das gesamte Ambiente könnte durchaus auch die Kulisse für eine Präsentation von Reisefotos aus Tansania werden. Aufkommende Zweifel, ob ich hier richtig sitze, beseitigt die schlecht abgemischte Punkmusik, die die Veranstaltung eröffnet. Mit Mühe kann ich einzelne Wortfetzen ausmachen: »Anders sein. Jeder hier will anders sein.«

© Christoph Links Verlag

Dieses »Anders Sein« ist eine Art Mantra der ersten Punkbewegung in der DDR, die der Texter Bernd Lindner und der Zeichner PM Hoffmann in Comicform aufgreifen. Etwas zu ausgedehnt berichtet der Autor, von Haus aus Kultursoziologe, zunächst von der Handlung seiner Geschichte. Für die habe er sich zwar fiktive Schicksale ausgedacht, aber dennoch ein repräsentatives und authentisches Bild der Punkbewegung in der DDR zeichnen wollen.

Dass Punk-Sein in der DDR nicht einfach war, kann man sich vorstellen. Als »negativ-dekadente Jugendliche« wurden Anhänger der Bewegung von der Stasi beobachtet, kriminalisiert und teilweise sogar gegen ihren Willen aus dem Land ausgewiesen. Dabei seien die Ursprünge der Bewegung viel mehr künstlerisch-ästhetisch denn politisch motiviert gewesen, meint Bernd Lindner. Erst die restriktive Haltung des Staates habe den Punk politisiert und die Anhänger der Subkultur zu Gegnern der DDR-Regierung gemacht.

Im Anschluss erzählt Zeichner PM Hoffmann, wie aus der Geschichte Bilder wurden. Das ist leider abstrakter, als es hätte sein müssen. Zu selten schafft er es, dem Publikum konkret Probleme seiner Arbeit zu verdeutlichen. So etwa, als er berichtet, seiner Hauptfigur auf den ersten zwanzig Seiten eine Frisur gegeben zu haben, die gar nicht in die damalige Zeit gepasst habe: »Das sah eher aus wie Kurt Cobain!« Ein vermeintlich kleinerer Fehler, der sich für den Zeichner jedoch als so ärgerlich wie zeitaufwendig erwies. Denn Hoffmann musste für jedes einzelne Bild den Kopf des Protagonisten noch einmal mit den korrekten Haaren einfügen. Genervt seufzt der Zeichner auf: »Ne Glatze wäre besser gewesen. Da kann man was dranzeichnen.« Die ersten Lacher an diesem Nachmittag hat er damit auf seiner Seite.

So geht es über weite Strecken weiter. In längeren Monologpassagen berichten die Schöpfer der Graphic Novel »Anders sein oder Der Punk im Schrank« mithilfe von Bildern und Dokumenten von ihrer Arbeit. Das ist zwar durchaus interessant, aber gerade in Bezug auf das Thema auch ein bisschen steif. Wirkliche Interaktion, sowohl zwischen den drei Podiumsgästen als auch mit dem Publikum findet zunächst kaum statt. Auch die Funktion der Moderation erschließt sich mir nicht wirklich.

Das angekündigte Gespräch entwickelt sich erst im letzten Viertel der Veranstaltung. Fragen, wie die der vielleicht achtjährigen Zuhörerin in der ersten Reihe, ob die beiden Herren bei ihrer Arbeit denn auch Punkmusik gehört hätten, lockern das etwas starre Präsentationsgefühl und führen zu einer angenehmen Plauderstimmung. Zumal die Frage wirklich gut ist und berechtigter, als es dem Mädchen in diesem Moment selbst klar gewesen sein dürfte. Immerhin gibt es praktisch keine Plattenaufnahmen von DDR-Bands! Soundmatsch, wie er zu Beginn der Veranstaltung zu hören war, ist das Einzige, was musikalisch von diesem Kapitel der DDR-Geschichte geblieben ist. Stolz berichtet Bernd Lindner von seiner digitalen Musikbibliothek mit über 2.500 DDR Punksongs. Diese Aufnahmen sind damals zumeist als Konzertmitschnitte auf Kassettenrekordern entstanden. Heute sind sie echte Sammlerstücke.

Wenn die beiden Schöpfer berichten, wie sie sich der Zeit konkret angenähert haben, hängt das Publikum gebannt an ihren Lippen. Wie schreibt man etwa als gutbürgerlicher Mittsechzigjähriger Songtexte für die jugendlichen Bands in der Graphic Novel? Als besonders schwierig erwiesen sich Sprache und Aussehen der Protagonisten. Über allem steht die Frage: »Gab’s das damals schon«? Die eigene Erinnerung erweist sich dabei – wie so oft – als trügerisch, sodass die Schöpfer vor allem auf Interviews und Fotos zurückgreifen.

So kommt es auch mal vor, dass gewisse Probleme wiederholt auftauchten – wie das Frisurproblem. Hoffmann gesteht am Ende, einer der Figuren haartechnisch ein Aussehen gegeben zu haben, welches es – streng genommen – damals so noch nicht gab. Noch ein weiteres Mal alles überarbeiten wollte er aber überhaupt nicht und meint trotzig: »Dann war sie eben die Erste mit dieser Frisur!« So eine Einstellung ist doch auch schon wieder Punk.

Beitragsbild: Moderatorin Jana Fröbel mit den Autoren PM Hoffmann (links) und Bernd Lindner (rechts). © Moritz Fehrle


Die Veranstaltung: Gespräch mit dem Autor Prof. Bernd Lindner und dem Illustrator PM Hoffmann zu ihrer Graphic Novel über die erste Punk-Generation der DDR, Moderation: Jana Fröbel, Zeitgeschichtliches Forum, 23.3.2019, 15.30 Uhr

Das Buch: Bernd Lindner und PM Hoffmann: Anders sein oder Der Punk im Schrank. Christoph Links Verlag, Berlin 2019, 144 Seiten, 15,00 Euro


Der Rezensent: Moritz Fehrle

 

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