Nägelkauen gegen Tierschmuggel

Liliane Skalecki und Biggi Rist lesen aus ihrem Umweltkrimi »Ausgerottet«. Anschließendes Highlight ist eine geführte Tour durch den nächtlichen Zoo.

»Was sind eigentlich Schuppentiere?«, fragte ein Kind seine Mutter. »Hm, ich glaube alles, was Schuppen hat, also Fische, Schlangen, Krokodile …« Das stimmt nicht ganz. Schuppentiere sind insektenfressende Tannenzapfen in Säugetierform und in Deutschland zwar weitestgehend unbekannt, dennoch die meist-geschmuggelte Tierart der Welt. Die Bremer Autorinnen Liliane Skalecki und Biggi Rist haben dem Pangolin, wie das Schuppentier auch genannt wird, gleich einen ganzen Krimi gewidmet. »Ausgerottet« handelt von der Gärtnerin Malie Abendroth, die im Schmetterlingshaus auf der Insel Mainau ein Schuppentier findet. Sie nimmt es mit nach Hause und versucht, auf eigene Faust herauszufinden, wie das seltsame Tier aus Südostasien an den Bodensee gelangen konnte. Zusammen mit der Tierschützerin Lioba Hanfstängl stößt sie während ihrer Recherche auf dubiose Tierhändler, korrupte Beamte und skrupellose Schmuggler.

Biggi Rist (links) und Liliane Skalecki (rechts) © Simon Oppermann
Biggi Rist (links) und Liliane Skalecki (rechts) © Simon Oppermann

Die Lesung startete erst um 18.30 Uhr, aber Liliane Skalecki und Biggi Rist saßen bereits eine halbe Stunde vorher auf ihrer kleinen Bühne im Palmensaal des Leipziger Zoos und empfingen lächelnd ihr Publikum, welches Mühe hatte, einen Platz zu finden. Im Gegensatz zu den meisten Lesungen war nicht der Platzmangel schuld, sondern die zahllosen »Reserviert«-Schilder auf den Tischen. Dass die Plätze eben genau für die Lesungsgäste bestimmt waren, sprach sich erst später herum.

Skalecki und Rist lasen kommentarlos Kapitel nach Kapitel, schafften es aber gekonnt, das Publikum in ihren Bann zu ziehen. Eine wahre Meisterleistung, wenn man bedenkt, dass einige Gäste die Autorinnen nur unter akrobatisch anmutenden Verrenkungen sehen konnten. Man hatte vergessen, die Tische umzustellen, weswegen viele mit dem Rücken oder seitlich zur Bühne sitzen mussten. Wie jede gute Krimilesung endete auch diese abrupt mit einem Cliffhanger, doch allzu große Neugier konnte nicht aufkommen, da direkt im Anschluss an die Lesung die Abendtouren durch den mittlerweile stockdunklen Zoo begannen. Spannende Geschichten zur Ausrottung von Przewalski-Pferd, Amurleopard und Co. überlagerten die Erinnerung an die Lesung schnell.

»Wir haben extra für Sie das Licht angeknipst, viel sehen Sie trotzdem nicht!« Mit diesen Worten begrüßte Kurator Ruben Holland die Lesungsgäste im Untergeschoss des Elefantentempels. Seit 2009 leben hier die beiden Formosa-Ohrenschuppentiere Quesan und Tou Feng, die man allerdings nur erahnen kann, denn für die eigentlich nachtaktiven Tiere ist dank künstlichem Tageslicht nun Schlafenszeit. Da der Zoo Leipzig europaweit der einzige Zoo ist, der die bedrohten Pangoline hält, haben die beiden ordentlich zu tun: Zwar klappt es mit dem Nachwuchs nicht ganz so wie erhofft, dafür konnten die Hunde des Schweizer Zolls dank extra dafür in ihre Schlafboxen gelegter Tücher lernen, wie Schuppentiere riechen und fortan helfen, den zwar illegalen aber durchaus lukrativen Schmuggel zu bekämpfen; »dabei riechen die eigentlich nur nach Erde«.

© Gmeiner Verlag
© Gmeiner Verlag

In der traditionellen chinesischen Medizin gelten ihre zu Pulver gemahlenen Schuppen fast schon als Allheilmittel und werden als Aphrodisiakum, gegen Rheuma oder wie in »Ausgerottet« gegen Schuppenflechte eingesetzt. Schuppentier gegen Schuppenflechte, klingt genauso witzig wie sinnlos, wenn man bedenkt, dass die Schuppen lediglich aus Keratin bestehen. Da könnte man genauso gut seine eigenen Haare essen oder während spannender Krimis an den Nägeln kauen. Leider ist die Handlung von »Ausgerottet« voller vorhersehbarer Wendungen, sodass Spannung auch trotz Skaleckis und Rists beeindruckender Vorlesekünste kaum aufgekommen war. Trotzdem hat sich der Abend gelohnt, denn eine dermaßen interessante Nachtwanderung erhält man für nur neun Euro sonst nicht. Außerdem wurden jeweils ein Euro von Buch- und Eintrittspreis für den Artenschutz gespendet, sodass sich die Lesung zumindest für die Schuppentiere gelohnt haben wird.

Beitragsbild: Ein Schuppentier. © Zoo Leipzig


Die Veranstaltung: Ausgerottet. Palmensaal, Zoo Leipzig, 24.3.2017, 18.30 Uhr

Das Buch: Liliane Skalecki, Biggi Rist: Ausgerottet. Der 1. Fall für Malie Abendroth und Lioba Hanfstängl. Gmeiner, Meßkirch 2017, 374 Seiten, 14,00 Euro, E-Book 10,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Simon Oppermann

 


 

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