Nach vorne blicken

Firas Alshater ist aus Syrien geflohen und lebt jetzt in Deutschland. Er erzählt, warum ihm trotz der Schrecken in Syrien das Lachen geblieben ist.

Der Hugendubel in der Leipziger Innenstadt ist voll. So voll, dass sich der Beginn der Lesung nach hinten verschiebt. Und das liegt nicht nur daran, dass viele Besucher noch auf der Suche nach Sitzplätzen sind, sondern vor allem an der Gastfreundschaft von Firas Alshater, denn es gibt Tee für alle. »Wir haben jetzt 80 fertig, aber die werden wohl nicht reichen«, meint eine Hugendubel-Mitarbeiterin. Also fangen Firas Alshater, Autor des Buches »Ich komm auf Deutschland zu«, und Moderator Mark Daniel von der LVZ, erst einmal ohne Heißgetränk an.

Firas Alshater ist erfolgreicher YouTuber und gestaltet die Lesung interaktiv. Sein erstes Video zeigt, wie sein Leben in Berlin im Vergleich zum Alltag in Syrien aussieht. Lautes Dröhnen gibt es in Deutschland nur von Rettungshelikoptern, nicht von Luftangriffen, und der erste Kampf, den Firas Alshater beobachtet, findet mit Kissen statt. Seine Bilder aus Syrien zeigen fallende Bomben, brutales Vorgehen gegen Demonstranten, Eltern, die um ihre toten Kinder weinen. Er selbst war im Gefängnis, wurde dort gefoltert und entschied sich, Syrien zu verlassen, nach vorne zu blicken.

© Cover: Ullstein
© Cover: Ullstein

Auf seinen Alltag als Flüchtling in Deutschland sieht Alshater mit einem tragikomischen Blick und bezeichnet sein Buch als »Schwarzer-Humor-Biographie«. So erzählt er den Besuchern, die mittlerweile alle Tee bekommen haben, beispielsweise von den Wirrungen der deutschen Bürokratie. Als Asylbewerber durfte Alshater nicht arbeiten, Berlin nicht verlassen und keinen Sprachkurs belegen. Die logische Konsequenz daraus war, dass er einen Brief in deutscher Sprache erhielt, ohne jegliche Übersetzung. Nach einigem Nachforschen stellte sich der Brief als die Zuteilung seiner Steuernummer heraus, bevor er überhaupt einen Ausweis besaß. Was solle er machen, fragt Alshater, wenn ihn die Polizei einmal kontrolliere? Ihnen eine Steuernummer vorzeigen?

Im Gespräch mit Mark Daniel macht Alshater deutlich, dass Integration Zeit brauche. Besonders das Erlernen der Sprache sehe er als wichtigste Barriere, die es zu überwinden gelte, um mit Mitmenschen in wirklichen Kontakt zu kommen. Er selbst geht mit gutem Beispiel voran, hat mittlerweile eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis und studiert in Babelsberg. Auf die Frage aus dem Publikum, ob Alshater wieder nach Syrien zurückkehren möchte, antwortet er, dass dies nur mit einem freien Syrien, ohne Assad möglich sei. Die Chancen dafür schätzt er allerdings schlecht ein und beziffert die Zeit, die nötig wäre, auf zwei bis drei Generationen.

Trotzdem überwiegt am Ende der Veranstaltung das Positive: »Jeder Tag, der nicht dein Freund ist, muss dein Lehrer sein«, schließt Alshater und macht von der Bühne aus noch ein fröhlich-grinsendes Selfie mit den Zuschauern.

Beitragsbild: Firas Alshater und Mark Daniel diskutieren die Integration. © David Regner


Die Veranstaltung: Ich komm auf Deutschland zu. Ein Syrer erzählt über seine neue Heimat. Moderation: Mark Daniel, Hugendubel, 23.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Firas Alshater: Ich komm auf Deutschland zu. Ein Syrer über seine neue Heimat. Ullstein, Berlin 2016, 240 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 12,99 Euro



 

 

Der Rezensent: David Regner

 


 

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