Na, wo ist denn die Spät-Lese?

Kirsten Fuchs lockt mit ihrem Buch spielerisch das Lachen an

Von Anna Löwe

Kirsten Fuchs
Kirsten Fuchs

Stimmengewirr und umher huschende Augen. Die Besucher der Leipziger Buchmesse strömen auf der Jagd nach Geschichten durch die Gänge der Verlagsstände. Inmitten dieses Getümmels soll Kirsten Fuchs aus ihrem Buch „Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig“ lesen. Sitzplätze gibt es wenige, dafür umso mehr Zuhörer, die traubenförmig die Bühne umschließen. Vom Moderator als „Tausendsassa im Bereich der Kurzgeschichte“ angekündigt, tut die Autorin es ihrem Publikum gleich und verzichtet auf einen Stuhl. „Hallihallo.“ Das ist keine Begrüßung, sondern der Startschuss für einen kleinen Ausflug in die Welt der guten Laune. Vergessen ist die unruhige Atmosphäre, übrig bleiben erwartungsfrohe Gesichter. „Ich fang jetzt einfach an zu lesen, das kann ich nämlich gut.“ Wie wahr, wie wahr.

Man merkt der gelassenen Berlinerin die Lesebühnenerfahrung an. Schnell wird klar, dass es Kirsten Fuchs keine Anstrengung bereitet, mit ihren grotesken und doch federleichten Erzählungen die Zuhörer zum Strahlen zu bringen. Mühelos kitzelt sie das Lachen aus ihnen. „Das Wort Lumpen kommt mir so komisch vor. Sagt mal alle Lumpen!“

In lockerem Plauderton erzählt die Autorin von alltäglichen Geschichten. Geschichten, die übersehen werden. Geschichten, die gefunden werden müssen. Geschichten, die zu einem Publikum gebracht werden müssen, das nicht weiß, dass es Publikum ist. Kirsten Fuchs Ziel sind die Kassiererinnen der Supermärkte. Um die Gelangweilten aus ihrer Monotonie zu befreien, erdichtet sie kuriose Hintergründe zu ihren Einkäufen: Geschichten auf dem Fließband. Wenn sich die Kassiererinnen irgendwann von selbst fragen „Na, wo ist denn die Geschichte?“, ist der Plan geglückt.

Nach diesen Ausführungen über die Wunder von Erzählungen setzt die Autorin ihr sympathisches Spiel mit dem Publikum fort. Ob nicht jemand Lust hätte, mit ihr einen Dialog zu lesen? Die Idee schlägt ein und die Erkenntnisse zu: Wenn sich zu viele positive Gefühle anstauen, einfach den Schädel auf einen Hammer treffen lassen. Das ist zumindest die Meinung der beiden Frauen aus dem rezitierten fiktiven Gespräch. Mit ihren erfrischend bissigen Texten stellt Kirsten Fuchs alles auf den Kopf.

Dass „Schlumperhosen“ außerordentlich gesellschaftskritisch sein können, hätte vor der Lesung wohl keiner geahnt. Auch nicht, dass sich Kirsten Fuchs auf „zwei Supermodels“ fortbewegt. Feststellung: Das Leben ist eine Überraschungstüte. Die Frage danach, in welchem Winkel sich gute Geschichten verstecken, ist hinfällig: Sie lauern überall, bereit, herausgelockt zu werden. „Na, wo ist denn die Geschichte?“

Vergnügen scheint Kirsten Fuchs auch an Wortbasteleien zu finden. So kommt es nicht nur zu Begegnungen mit „Fußballfrischlingen“, „stilldementen Müttern“ und „traumbutziwutzi-wuschelpuwwel-mausi-pieps-niedlichen Nähmamas“. Auch ein Versprecher der Autorin wird kurzerhand in dekaumhatmanmal100_v-contentgrossn Wortschatz aufgenommen: Von nun an wird nicht mehr von Lesungen gesprochen. Nein, „Lese“ heißt es.

Diese Lese neigt sich einige Minuten später als geplant dem Ende zu. Erläuterungen über die Komplikationen, die sich für „Fickende Eltern“ – wie die Geschichte „Sofasex“ ursprünglich hieß – ergeben, schließen die Veranstaltung ab.

Gespannt auf weiteres Lesevergnügen darf man sein. Denn auch wenn Kirsten Fuchs ihre Darbietung als Zu-Spät-Lese bezeichnet: Zu spät kann es für eine gute Lese gar nicht sein.


Zum Buch: Kirsten Fuchs; Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig; Voland & Quist; 14,90 €

Zur Veranstaltung: Kaum macht man mal was falsch, ist das auch wieder nicht richtig; Kirsten Fuchs; Leipziger Buchmesse, Leseinsel Junge Verlage; 12. März 2015; 13 Uhr

 

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