Mutterliebe reloaded

Anke Stelling liest aus »Fürsorge« im Rahmen der Langen Leipziger Lesenacht.

»Und wo wohnst Du jetzt?«, fragt der gestresste Moderator Anke Stelling zwei Minuten vor dem Beginn des dritten Blocks der Langen Leipziger Lesenacht L3. Stelling beantwortet die hektischen Fragen des Moderators mit freundlicher Engelsgeduld und nimmt anschließend neben ihren Mitstreiterinnen auf der Bühne Platz; manchmal muss es eben schnell gehen.

Anke Stelling. © Nane Diehl (Ausschnitt)
Anke Stelling. © Nane Diehl (Ausschnitt)

»Fürsorge« ist der zweite Roman nach »Bodentiefe Fenster«, der von Anke Stelling beim Verbrecher Verlag erschienen ist. Stelling erzählt die Geschichte der Primaballerina Nadja, die ihre Gesundheit und ihre Beziehung zu ihrem Sohn Mario zugunsten der Tanzkarriere geopfert hat. Nach 16 Jahren trifft Nadja Mario in Leipzig wieder und stellt fest, dass er der Mutter in zweierlei Hinsicht ähnlich ist: emotional verkrüppelt und absolut körperfixiert. Er trainiert und arbeitet täglich im Fitnessstudio, ernährt sich fast ausschließlich von Proteinshakes und hat bei einer Wette einen BMW gewonnen, indem er »sechseinhalb Kilo Gewichte gehoben hat. Mit dem Schwanz.«

Nach einer eher mäßigen Kurzgeschichte von Nadja Schlüter liest endlich Anke Stelling, eingerahmt vom altehrwürdigen Kellergewölbe der Moritzbastei, aus »Fürsorge«. Sie hat sich die Stelle des zweiten Wiedersehens von Nadja und Mario ausgesucht. Die Mutter kreuzt unangekündigt im Fitnessstudio auf, setzt sich wortlos an den Tresen und wartet bis Mario fertig gearbeitet hat. Ebenso wortlos fahren er und Nadja zum zweiten Jobtermin Marios, der in einer von Halbweltgestalten bevölkerten Luxusvilla stattfindet. Nadja schaut Mario zu, wie er »eine weitere Kostprobe seiner gewichtheberischen Fähigkeiten« vor alten, grölenden Männern abliefert. Als Mutter und Sohn schließlich zu Hause sind, passiert das, was zwischen zwei Menschen eben passiert, die keine moralischen Skrupel und dazu beide wunderschöne Körper haben und dies wertschätzen.

© Verbrecher Verlag
© Verbrecher Verlag

Kauft man das der Autorin ab? Eine apathische Spitzenballerina, die in ihrer heilen Prenzlauer Berg-Welt gefangen ist, trifft nach langer Trennung ihren Sohn wieder und fängt sofort eine inzestuöse Beziehung mit ihm an? Die Antwort ist: Ja, auf jeden Fall. Stelling beschreibt einen Zustand der Einsamkeit und des unumgänglichen Scheiterns jeder Kommunikation in allen Lebenslagen. Die gutsituierte Oberflächlichkeit und gähnende Langeweile derjenigen, die sich für alternativ halten und doch jeden Ausbrauch aus ihrer Alltagshölle partout vermeiden, wird beim Lesen als tausendmal verwerflicher und trauriger wahrgenommen als das Verhältnis von Nadja und Mario. Die beiden tun nicht so, als gäbe es noch mehr als schöne Körper und Schweigen – und sind damit glücklicher als jede andere Figur aus »Fürsorge«.

Anke Stellings neuester Roman ist vielleicht nicht das perfekte Geschenk zum Muttertag, aber absolut empfehlenswert für jeden anderen Tag des Jahres. Der Leser ist mit jeder Seite entsetzt über sein Urteilsvermögen und kann nicht fassen, dass die Autorin ein dumpfes Gefühl der allgemeinen Leere so präzise beschreiben kann: »Fürsorge« ist verstörend und schlichtweg brillant. Nach einer ganz knappen Abmoderation liest noch Laura Wohnlich aus ihrem neuen Buch »Sweet Rotation«. Anke Stelling hat an diesem Abend das mit weitem Abstand beste Werk vorgestellt.

Laura Wohnlich (links), Nadja Schlüter (Mitte) und Anke Stelling (rechts) auf der L3. © Rewert Hoffer


Die Veranstaltung: Anke Stelling liest aus Fürsorge, Moritzbastei, 23.3.2016, 22 Uhr

Das Buch: Anke Stelling: Fürsorge. Verbrecher Verlag, Berlin 2017, 171 Seiten, 19,00 Euro, E-Book 12,99 Euro


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Der Rezensent: Rewert Hoffer

 


 

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