Musikalisch nicht satisfaktionsfähig

Literaturwissenschaftler sprechen über Popmusik.

Auf 2017 fällt nicht nur das 500-jährige Jubiläum der von Luther veröffentlichten Thesen, sondern auch der 50. Geburtstag vieler Musikalben. Sie machten das Jahr 1967 zum Schaltjahr des Pop, so beschreibt es das Buch »Younger Than Yesterday«. Jedes Kapitel widmet sich einem Album von Bands wie den Beatles, The Velvet Underground, Pink Floyd, The Doors, The Byrds und anderen. Allen gemein ist, dass sie im besagten Jahr an musikalischer Reife gewannen und sich durch das Wirken der Musiker das Format des Albums als Gesamtkunstwerk etablierte.

Die Buchvorstellung beginnt vielversprechend mit dem Opener »Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band« des gleichnamigen Albums der Beatles. Der DJ spielt den Titel an, als die drei Herausgeber Gerhard Kaiser, Christoph Jürgensen und Antonius Weixler sowie ihr Moderator und Lektor Linus Guggenberger die kleine Bühne im OSKAR betreten. Gleich zu Beginn geraten die Herausgeber unter Rechtfertigungsdruck, als der Moderator die Auswahl der im Buch vorgestellten Alben hinterfragt. Sie entgegnen, das Buch erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit und sowieso sei ja alles subjektiv. Kurz darauf bringt ein Versprecher das Publikum zum Lachen: »Sgt. Pepper ist das berühmteste Cover der Kunstgeschichte, ähm, Popgeschichte.«

© Wagenbach
© Wagenbach

»Können Literaturwissenschaftler überhaupt über Popmusik schreiben?«, will Guggenberger wissen. Antonius Weixler, der Neuere Deutsche Literatur an der Universität Wuppertal lehrt, erwidert: »Wir haben das Buch als Fans geschrieben, das gibt uns die Legitimation. Man kann die Wirkung von Pop nicht über Wissen beschreiben.« Sein Kollege Jürgensen sieht das anders: »Wir betreiben eine Form von literaturwissenschaftlicher Kunstsoziologie, für die wir Experten sind.« Ratlose Blicke im Publikum. Die Frage einer älteren Dame bringt die Wissenschaftler ins Schwitzen. Sie will wissen, warum die Musik zerpflückt und interpretiert wird: »Wir haben die Alben damals konsumiert, nicht analysiert!« »Aber es schadet doch nicht, oder?«, rechtfertigt sich Kaiser.

Das überwiegend ältere Publikum döst in den Sesseln, während auf der Bühne im Eiltempo Songs bewertet werden (»›Lucy in the Sky with Diamonds‹ ist kein ganz schlechter Song«). Auf Fragen aus dem Publikum wird oberflächlich eingegangen, bis die Männerrunde wieder in den Duktus eines literaturwissenschaftlichen Proseminars verfällt. Die auf akademisch höchstem Niveau besprochenen Songs werden leider konsequent nicht angespielt. Der Einsatz von audiovisuellen Medien hätte die vorgebrachten Thesen zum Thema Popästhetik nachvollziehbar gemacht.

Anders als die Veranstaltung bietet das Buch einen strukturierten Überblick über die wichtigsten Ereignisse des Popjahres 1967. Musikliebhaber legen am besten die Platte von The Velvet Underground & Nico auf, werfen einen Blick auf das von Andy Warhol gestaltete Cover und tauchen mit Hilfe des Buches ein ins Schaltjahr des Pop.

Beitragsbild: V.l.n.r.: Christoph Jürgensen, Gerhard Kaiser, Antonius Weixler und Linus Guggenberger. © Helen Rode


Die Veranstaltung: Younger Than Yesterday – 1967 als Schaltjahr des Pop: Buchvorstellung und Party, Moderarion: Linus Guggenberger, OSKAR, 24.3.2017, 20 Uhr

Das Buch: Gerhard Kaiser, Christoph Jürgensen, Antonius Weixler (Hg.): Younger Than Yesterday. 1967 als Schaltjahr des Pop. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2017, 192 Seiten, 20 Euro


 

 

Die Rezensentin: Helen Rode

 


 

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