Monströser Mensch und menschliches Monster?

Das Monster als Thema der Langen Nacht der Wissenschaften in Leipzig? Kein Wunder, bei dem Einfluss, den es seit 1818 auf unsere Kultur hat: In der Lehmanns-Buchhandlung stellen die Literaturwissenschaftler des Instituts für Anglistik der Universität Leipzig die Bedeutung von Mary Shelleys Roman »Frankenstein« heraus. Teil Zwei der Klassiker-Reihe bei »Leipzig lauscht« zum 200-jährigen Jubiläum des Werkes.

Trat erst mit der zweiten Edition des Romans namentlich in Erscheinung: Die Autorin Mary Shelley. © Richard Rothwell, Portrait of Mary Shelley, 1840, National Portrait Gallery

Zu später Abendstunde, in einer abgedunkelten und verhangenen Buchhandlung, nimmt ein junges Publikum auf Stühlen mit kargem Metallgerüst und schwarzen Sitzflächen Platz, auf denen zu allem Überfluss auch noch schwarz verpackte »Pechkekse« liegen. Draußen ist es im tiefsten Juni unnatürlich kalt, ein eisiger Wind zieht durch die Innenstadt. Das so entstehende leichte Grusel-Flair wirkt im Nachhinein fast ironisch, zeigen die vier Kurzvorträge der Leipziger Anglisten Elmar Schenkel, Stefan Lampadius, Jürgen Ronthaler und Maria Fleischhack auch eins: Wie oft Mary Shelleys 1818 anonym erschienener Klassiker und sein Monster schon für platten Horror herhalten mussten. Wie viel mehr in diesem Roman steckt, erklären die Literaturwissenschaftler in »200 Jahre ›Frankenstein‹ – Entstehung, Rezeption und Interpretation« anlässlich der Langen Nacht der Wissenschaften.

Für Elmar Schenkel, Professor für Englische Literaturwissenschaft, der mit einem Vortrag zur Entstehungsgeschichte von »Frankenstein« startet, passt das Ambiente sehr gut: »Ich rede aus dem Dunkel heraus, genauso wie Frankenstein damals aus dem Dunkel heraus entstanden ist.« Dem zunächst etwas konsterniert blickenden Publikum erklärt er, wie dafür ein Zusammenhang zwischen Leipzig, Indonesien und dem Genfer See entscheidend war: Nachdem im Jahr 1815 der Vulkan Tambora in Indonesien ausgebrochen sei, ging das folgende Jahr als »Jahr ohne Sommer« in die Geschichte ein. Mary Shelley habe sich zusammen mit einer Gruppe um den englischen Dichter Lord Byron in den eigentlich heißen Monaten des Jahres in der Villa Diodati am Genfer See aufgehalten. Da das Wetter schlecht gewesen sei, blieben sie in der Villa und veranstalteten, inspiriert von einem übersetzten Band des in Leipzig herausgegeben »Gespensterbuchs«, einen Wettbewerb um die beste Gruselgeschichte. Shelley habe gewonnen und der fiktive Wissenschaftler Viktor Frankenstein und seine »creature« waren geboren, 1818 wurde der Roman schließlich anonym veröffentlicht. In der Lehmanns-Buchhandlung zeigt sich das Publikum unterhaltsam informiert über diese überraschenden Zusammenhänge.

Anschließend referiert Stefan Lampadius, wieso »Frankenstein als Gründungstext der Science Fiction« gesehen werden kann. Ganz im Uni-Dozenten-Stil zeigt er anhand von Powerpoint-Zitaten aus dem Buch, – in Englisch, versteht sich, da das Publikum größtenteils auch aus Anglistik-Studierenden besteht – wie Mary Shelley Ideen der Alchemie und der sich entwickelnden modernen Naturwissenschaften in »Frankenstein« aufnahm. Beispielsweise sollen der Autorin die Entwicklungen in der Bioelektrik durch Luigi Galvani und die Versuche einiger seiner Anhänger, Leichen durch Stromstöße in Bewegung zu versetzen, bekannt gewesen sein. Im Glauben, eine »happy species« erschaffen zu können, macht sich im Buch der junge Wissenschaftler Viktor Frankenstein ans Werk, einen künstliche Menschen zu erschaffen: »Deswegen ist er auch so enttäuscht, als im Endeffekt ein hässlicher Riese herauskommt – und die Kreatur selbst todunglücklich«, resümiert Lampadius. Die fatale Geschichte über das Monster und seinen Schöpfer führt schließlich bis zu einer Verfolgungsjagd an den Nordpol. Mit dem Roman habe Shelley somit die Schlüsselaspekte der Science-Fiction begründet: Die Verfremdung der Alltagswelt und der wissenschaftlichen Erkenntnisse, die in der jeweiligen Gegenwart schon vorhanden sind und damit die Frage stellten, was den Menschen zum Menschen mache und wie weit er in seinem Streben gehen dürfe.

Mit »Frankensteins Erbe: Intertextuelle Referenzen in Text und Film« befasst sich dann Jürgen Ronthaler. Nachdem kurz der Begriff der Intertextualität als komplexes System von Bezügen zwischen Texten definiert wird – wir sind schließlich bei der Langen Nacht der Wissenschaften – entpuppt sich das popkulturelle Erbe von »Frankenstein« als wahrer Spaßmacher des Abends. Viele Werke fasst Ronthaler unter dem Stichwort »Oberflächliches, der Goth-Chic, der Horror – ohne die philosophische Tiefe des Originals« zusammen. Bei einigen Buchcovern und Filmplakaten, die Ronthaler auf die Leinwand wirft, und den dazugehörigen Plots bricht das Publikum in schallendes Lachen aus: Mal gesellt sich zu Frankenstein auch noch Dracula oder ein Werwolf, mal entpuppt sich das Monster eigentlich als Alien oder Frankensteins Tante kommt in das Haus des jungen Wissenschaftlers um aufzuräumen, nachdem dort weitere Horror-Gestalten der Kulturgeschichte eine WG gegründet haben. Letztendlich habe der bis heute andauernde Bezug auf den »Frankenstein«-Stoff aber auch positive Seiten: »Als ich damals Anglistik studiert habe, galt noch Percy Bysshe Shelley als der große romantische Dichter und seine Frau, das war ›Die mit dem Horror-Roman‹. Heute hat sich das Verhältnis komplett umgedreht«.

Am Ende fragten die Studenten die Literaturwissenschaftler Jürgen Ronthaler, Maria Fleischhack und Stefan Lampadius (von links) nach ihren Lieblings-Adaptionen von »Frankenstein« in Buch, Film und Theater. © Martin Lindner

Zum Abschluss ging die Anglistin Maria Fleischhack noch einmal genauer auf die Umsetzungen von »Frankenstein« am Theater ein, allen voran auf jene von Nick Dear am Royal National Theatre in London aus dem Jahr 2011: Die bekannten Schauspieler Jonny Lee Miller und Benedict Cumberbatch spielten jeden Aufführungstag abwechselnd das Monster oder seinen Erschaffer Viktor Frankenstein. Der Effekt sei klar: »Monster und Mensch scheinen zu verschmelzen«, analysiert Fleischhack. Insgesamt lege dieses Stück einen sehr starken Fokus auf die Kreatur und versuche den Zuschauer eher auf deren Seite zu ziehen. Zum Kontrast stellt die Literaturwissenschaftlerin eine Adaption der ehemaligen Leipziger Anglistik-Studentin Sophie Scherer von 2017 am Neuen Theater in Halle vor: »Hier liegt der Fokus eher auf Viktor, den schnell der Einbruch in den Wahnsinn ergreift.« Auch am Theater zeigt sich dem Publikum eine große Bandbreite an Perspektiven auf das Original.

Was macht den Klassiker »Frankenstein« und seine nun 200-jährige Geschichte in der westlichen Pop- und Hochkultur also heute aus? Der Grusel, der immer und immer wieder bei der Beschreibung oder dem Anblick des Monsters hervorgerufen wird? Die philosophischen Fragen nach der Verantwortung der Wissenschaft und nach dem Monströsen im Menschen selbst? Wie auch schon Maria Fleischhack am Ende dieser kurzweiligen Nacht der Literaturwissenschaften rät: »Lesen Sie ›Frankenstein‹ doch einfach selbst noch einmal, es ist nie verkehrt!«

Beitragsbild: Wie viel Monströses steckt im Menschen und wie viel Menschliches im Monster? Fragen die Mary Shelleys »Frankenstein« vor 200 Jahren aufwarf. Im Bild die Jubiläums-Ausgabe des Manesse-Verlags. © Martin Lindner


Die Veranstaltung: 200 Jahre »Frankenstein« – Entstehung, Rezeption und Interpretation, Lange Nacht der Wissenschaften Leipzig, Buchhandlung Lehmanns-Media, 22.06.2018, 21:15 Uhr

Das Buch:  Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Übersetzung von Alexander Pechmann. Roman. München 2017, 464 Seiten, 22,00 Euro, E-Book 17,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Martin Lindner

 

 


 

 

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