Mit Humor zu neuen lyrischen Erkenntnissen

Ein Poetry Slam-Special zur Leipziger Buchmesse

von Mike Koch PoetrySlam

An einem ruhigen Donnerstagabend machte ich mich auf den Weg zum Livelyrix Poetry Slam mit dem Titel „Hauptsache nichts mit Elchen“, welcher sich aus den Buchtiteln „Hauptsache nichts mit Menschen“ von Paul Bokowski und „Kein Elch. Nirgends.“ von Sebastian Lehmann zusammensetzt. Die Lesung der beiden Berliner Autoren fand in der Distillery statt, die bekannt für gute, laute Partys ist. Ich war gespannt, wie sich ein doch eher ruhiger Poetry/Comedy Slam hier machen würde.

Nachdem ich durch einige Türen, Flure und einen Hof gegangen war, kam ich endlich am Lesungsort an. Ich war erstaunt, wie gemütlich dieser eingerichtet war. Sitzbänke und Hocker standen im Halbkreis um die Lesebühne und das orange, gemütliche Licht wirkte gleich entspannend auf mich. Die urige Location mit dem von Paul Bokowski so bezeichneten „ersten Unisex-Klo Leipzigs“ passte perfekt. Einzig die Bar direkt hinter den Zuhörern ließ erkennen, dass es sich eigentlich um einen Ort handelte, an dem getanzt und nicht gelauscht wird.

Vor der Lesung wurde entspannte Musik gespielt und die Zuhörer unterhielten sich bei Wein und Bier. Allmählich füllten sich die Sitzplätze und auch die Stehtische wurden umstellt und so begannen die Autoren mit der Lesung. Sie trugen abwechselnd Beiträge aus ihren Büchern vor, aber auch andere Anekdoten und Texte. Hätten die Texte selbst die Zuhörer nicht schon zum Lachen gebracht, dann hätte es auf jeden Fall die lockere Präsentation der Autoren geschafft. Vor allem die Dialoge, die sie zusammen vortrugen, nicht geprobt wurden und sogar beim jeweils anderen Autoren einiges Schmunzeln verursachten, waren grandios. Wer kennt nicht die verzweifelten Versuche, mit dem Vater zu skypen, während dieser völlig überfordert ist mit dem Programm und dem PC?

Das Leitthema der Lesung war Urlaub. In Erinnerung blieben dabei kreative Geschichten von schwäbischen Schülern in Prag, die mit Budweiser Bier um sich warfen, von jungen Müttern, die sehr geübt mit vulgären Ausdrücken in der Weddinger S-Bahn umgehen können oder die Briefe von Paul Bokowski und seiner Schwester an den jeweils anderen, um den schrecklichen Urlaub mit den Eltern sarkastisch und lustig darzustellen. Ich sollte hier erklären, dass die Geschwister Bokowski ausgemacht haben, dass einer von beiden mit den Eltern in den Urlaub fährt und dafür „an Weihnachten in dem Jahr frei bekommt“.

Nach 45 Minuten gab es eine Pause, die wohl eher für die Zuschauer als die Autoren gedacht war, die lässig sitzen blieben und sich mit einigen Zuhörern unterhielten. Die meisten mussten nämlich erst einmal ihre Gesichtsmuskeln massieren, die vom vielen Lachen schon schmerzten. Während viele zu Beginn nur gegrinst und verhalten gelacht hatten, wurde das Gelächter mit der Zeit immer lauter und ungehaltener. Man konnte sogar einige Hörer vernehmen, die sichtlich nach Luft schnappen mussten, da wegen des dauerhaften Lachens eine ordentliche Atmung nicht mehr möglich war. Den Autoren kann ein großes Lob ausgesprochen werden, denn sie wussten das Publikum zu unterhalten und nur ein kleiner Anteil an der Stimmung ist der nahen Bar zuzuschreiben.

Da die beiden nach eigenen Angaben zusammen mehr als vierzig Semester auf dem Buckel haben, durfte natürlich auch die Lyrik an so einem Abend nicht fehlen. Dafür hatte Sebastian Lehmann eine neue Rubrik erfunden: Er hatte englische Liedtexte der letzten zwanzig Jahre genommen, diese per Google übersetzen lassen und trug selbige nun in einem passenden Stil vor. So erfuhr man nun also nach vielen in Discotheken verbrachten Jahren, dass Scooter viel tiefgründiger sind, als sie scheinen und sich eigentlich im Expressionismus bewegen. Aber auch Lieder modernerer US-Stars, wie Katy Perry, die man „Röhren hören“ kann und Bruno Mars, welcher gerne Granaten für Frauen fängt, wurden nun endlich richtig vorgetragen. Der schönste lyrische, im Duett vorgetragene Text war die tragische Komödie von Shaggy, in Fachkreisen auch Struppig genannt, und Rik Rok mit dem Titel „It wasn’t me“.

Zum Schluss bleibt nur zu sagen, dass es ein äußerst amüsanter Abend mit hervorragenden Lesern und einer wunderbar passenden Location war.


 

Lesung: „Hauptsache nichts mit Elchen“ mit Paul Bokowskiund Sebastian Lehmann; Distillery, Kurt-Eisner-Straße 108, 04275 Leipzig , 12.03.2015; 20:00 Uhr

Bücher: Paul Bokowski; Hauptsache nichts mit Menschen; Goldmann Verlag; 7,99€

Sebastian Lehmann; Kein Elch. Nirgends.; Aufbau Taschenbuch; 8,99€

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.