Mit Honecker in der Badewanne

»Bück dich, Genosse! Rabenschwarze Geschichten eines Provinzlers« – Autor Stephan Schulz und seine Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend in der DDR.

Stephan Schulz. © Manja Liebrucks
Stephan Schulz. © Manja Liebrucks

»Ach du Scheiße, was macht denn Erich Honecker in meiner Wanne?«, fragt sich Stephan Schulz, als ein Piratenschiff mit einem der mächtigsten Politiker der DDR an Bord durch sein Badewasser segelt. »Ich bin gekommen, damit du deinen Frieden mit mir machen kannst«, antwortet Honecker. Dann klingelt der Wecker und Schulz erwacht aus seinem Albtraum. Um ihn zu verarbeiten, habe er sofort begonnen ein Buch über seine Kindheit und Jugend in der DDR zu schreiben, erzählt der Autor auf der Leipziger Buchmesse.

© Eulenspiegel Verlag
© Eulenspiegel Verlag

Schulz verstehe die Kurzgeschichtensammlung als eine Art Erinnerungsalbum, teilt er seinem Publikum mit. An diesem Vormittag sind es vor allem jugendliche Zuhörer, ein guter Grund um das berühmte: »Als ich so alt war wie ihr …« auszupacken. Dann liest Schulz aus dieser Zeit. Damals zog er Aufkleber von West-Autos ab oder bügelte Verpackungen von Milka-Schokolade, nur um ein bisschen teilhaben zu können an der Welt des westdeutschen Konsums. Zumindest das ältere Publikum honoriert dies mit Lachen und Applaus. Die jüngeren Gäste sehen eher so aus, als seien sie nicht ganz sicher, ob über die DDR und das Leben hinter der Mauer gelacht werden dürfe. Doch Schulz hat nicht nur Geschichten mit deutlichem Ost-Bezug parat. Sein Buch erzählt auch Geschichten, die generationsübergreifend funktionieren: Beispielsweise die vom Kaninchen Boney M., dem Haustier seiner Schwester, das leider als Braten auf dem Teller endete.

Schulz, der eigentlich Politikjournalist ist und niemals ein Buch schreiben wollte, schon gar nicht über die DDR, versteht es nicht nur ein pointiertes und humorvolles Bild der achtziger Jahre in einer ostdeutschen Kleinstadt zu zeichnen, sondern auch seine Gäste zu unterhalten. Nach der Lesung beantwortet er Fragen, nicht nur zum Buch. »Geile Clubs haben wir da«, sagt Schulz beispielsweise über das heutige Leben in Magdeburg und verlangt grinsend eine Provision für diese Werbeeinlage. Wieder lacht das Publikum. Leider ist an diesem Vormittag zu wenig Zeit für weitere Geschichten. Nur drei Kapitel kann Schulz vortragen. Sie genügen jedoch, um das Publikum zu erreichen. Vor allem die älteren Menschen signalisieren: Ja, so war das damals, ich erinnere mich genau!

Beitragsbild: Stephan Schulz. © Manja Liebrucks


Die Veranstaltung: Stephan Schulz liest aus Bück dich, Genosse! Rabenschwarze Geschichten eines Provinzlers, Literaturforum Halle 5, 23.3.2017, 11.30 Uhr

Das Buch: Stephan Schulz: Büch dich, Genosse! Rabenschwarze Geschichten eines Provinzlers. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2016, 192 Seiten, 14,99 Euro, E-Book 9,99 Euro


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Die Rezensentin: Elisabeth Leisker

 


 

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