Mit dem Duschvorhang auf den Laufsteg

Aufwändige Kostüme und extravagante Bewegungen flimmern über die Leinwand des ehemaligen Kinosaals im Museum an der »Runden Ecke«. Autorin Andrea Prause stellt dort ihr Buch »Catwalk wider den Sozialismus« über die alternative Modeszene der DDR vor.

Mode war, wie eigentlich alles, in der DDR ein rares Gut. So musste man kreativ werden, wenn man nicht die vom Staat auferlegte praktische Garderobe schätzte. Selbst nähen oder Kleidung aus dem Westen waren die einzige Möglichkeit, sich anders zu kleiden als der Stino-DDR-Bürger und so entstanden Anfang der 80er Jahre die verschiedenen Kollektive, die sich abseits des Mainstreams auslebten und Selfmade-Outfits unter die Leute brachten.

Der hell erleuchtete Saal des Kinos ist in Gelb getaucht, die Kronleuchter im morbiden DDR-Charme stülpen über alles einen Sepia-Filter. Das Thema der Lesung ist nischig, dennoch findet sich die Autorin Andrea Prause vor einem vollen Saal wieder. Was wohl auch ihre Aufregung erklärt: Technikprobleme, sekundenlange Pausen mitten im Satz. Der Vortrag hat dadurch gelitten, obwohl das Buch Potenzial für einen gelungenen Abend bietet.

An einem Wochenende haben die DDR-Kunstschaffenden für angesagte Mode auf dem Schwarzmarkt 15.000 Mark verdient, manchmal hat nicht mal das Portemonnaie dafür ausgereicht, erzählt Prause. Durch diese Einnahmen war es den Kunstkollektiven wie CCD und ARTich möglich, sich auch außerhalb der Norm auszuleben und ausgefallene Modeobjekte für den menschlichen Körper zu schaffen, die nur reinen Kunstzwecken dienten.

Im Buch werden verschiedene Akteure der alternativen Modeszene vorgestellt, von Chemnitz bis Berlin haben sich die avantgardistischen Kollektive zusammengefunden. Präsentiert werden an dem Abend Gruppierungen, die entweder Modenschauen oder auch Modetheater Anfang der 80er Jahre inszeniert haben.

Bewegtbild und Fotos von Shows und Theaterstücken der alternativen Szene lockern den holprigen Vortrag auf und zeigen die Begeisterung der Rednerin für ihr Thema. Zu sehen sind wilde Kreationen aus Duschvorhängen, Plastikplanen und Lederresten. Wie bewegliche Installationen schweben die Modelle über den Laufsteg, die Kleidung fasziniert mit zeitlosem Einfallsreichtum.

Mit ihrem Tun haben die Modeschaffenden polarisiert und sich dadurch gegen die damaligen Zustände im Land aufgebäumt, aber eigentlich war das nie ihr Ziel. Sie eckten damit an, waren ungemütlich für das einschläfernde Bürgertum. Dadurch wurden sie von außen politisiert, aber eigentlich, erklärt die Autorin, »waren sie nur sie selbst«.

Beitragsbild: © be.bra Verlag


Die Veranstaltung: Andrea Prause liest aus ihrem Buch Catwalk wider den Sozialismus, Museum an der Runden Ecke, 23.3.2019, 18 Uhr


Das Buch: Andrea Prause: Catwalk wider den Sozialismus – Die alternative Modeszene der DDR in den 1980er Jahren. be.bra Verlag, Berlin 2018, 500 Seiten, 52 Euro, E-Book 36,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Sarah Englisch

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