»Mein lieber, guter Theo…«

Zur Saisoneröffnung im Literaturhaus Leipzig lesen die Schauspieler Jutta Wachowiak und Christian Grashof aus den Briefen zwischen Emilie und Theodor Fontane. Teil Drei der Klassiker-Reihe von Leipzig lauscht.

Dass »[…] wachen, lesen, lange Briefe schreiben« zum herannahenden Herbst gehören, hat schon Rilke geschrieben. Wie passend, dass am letzten richtig warmen Augusttag das Literaturhaus Leipzig zur 23. Lesungssaison seine Türen öffnet und dazu einlädt, den Briefen des Schriftstellers Theodor Fontane und seiner Frau Emilie zu lauschen. Der große Saal im Haus des Buches ist brechend voll und so muss ich mir meinen Platz am Eingang neu abholen: Mit dem Holzklappstuhl über der Schulter finde ich in dem niedrigen, aber breiten Raum doch noch ein Plätzchen ganz außen, seitlich zum restlichen Publikum, welches überwiegend so aussieht, als hätte es wie die Fontanes bereits alle Höhen und Tiefen einer langen Beziehung erleben können.

Von jetzt an sind die Scheinwerfer wieder auf die Tische mit dem obligatorischen Glas Wasser gerichtet: Das Literaturhaus Leipzig startet in seine 23. Lesesaison mit Jutta Wachowiak und Christian Grashof (von links). © Martin Lindner

Der Abend ist gleichzeitig auch die Buchpremiere von »Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles«, einer Auswahl von 123 Briefen, die im Juli im Aufbau-Verlag erschienen sind. Zwischen einem der bedeutendsten Schriftsteller des Realismus und der starken Frau an seiner Seite zeigt sich hier eine Beziehung, die trotz häufiger Trennung voneinander und der ständigen finanziellen Unsicherheit des Schriftstellerlebens fast ein halbes Jahrhundert gehalten hat.

In den 18 Briefen, die die beiden Schauspieler Jutta Wachowiak und Christian Grashof im großen Saal des Literaturhauses leicht gekürzt vorlesen, spiegelt sich das Auf und Ab einer Ehe: Mal muss Emilie ihrem Mann schreiben, dass ihr zweiter Sohn Rudolph kurz nach der Geburt gestorben ist, mal werden die seligsten Liebesgrüße ausgetauscht, sodass sie »ganz aus der Contenance gebracht« ist oder der eher nüchternere Theodor sich zumindest »glücklich schätz[t], Dich zu besitzen«. Die derart verschiedenen Stimmungen der Briefe lesen Wachowiak und Grashof so gekonnt, dass das Publikum bereits an der Grußformel erkennen kann, wie es um den Haussegen der Fontanes bestellt ist. Oft müssen die Zuhörer schon bei dem sehr gedehnten und lauernden »Meine…liebe…Frau« von Grashof schmunzeln, bevor der 75-Jährige mehrmals am Abend eine »wohlgemeinte Pauke« Theodors imitiert und dabei grantig und schulmeisterhaft mit dem Zeigefinger wackelt.

Eines zeigt sich über den Abend mit den Briefen der Fontanes im Literaturhaus Leipzig deutlich: Obwohl Theodor, wie am 15. Oktober 1869, sich an seiner Frau wünschen würde, dass »Du gleichmäßiger wärest und Macht über deine Stimmungen hättest«, ist es eigentlich Emilie, die im Briefwechsel die Beziehung und charakterlichen Schwächen von beiden aufgeräumt und klar niederschreibt. Beispielhaft stellen die Lesenden Wachowiak und Grashof das an mehreren aufeinander folgenden Briefen aus dem Mai 1870 dar. Theodor gesteht Emilie drei Wochen nach ihrer Abreise, dass er seine Stelle als Journalist bei der Kreuzzeitung aufgegeben hat. »Liebster Theodor«, beginnt das Schreiben von Emilie am 14. Mai und auch hier erahnt das Publikum bereits an Wachowiaks Stimme, dass keine erfreute Antwort seiner Gattin folgt: Über den Freiheitsdrang ihres Mannes bilanziert sie zwar etwas enttäuscht, aber doch klar »[…] sobald ich Dir entgegen stehe, sprichst du von einer 20-jährigen unerträglichen Ehe«. Wieder liest achowiak das »un-…er-..träg-..lichen«, so gedehnt vor, dass sich die Zuhörer amüsiert und grinsend vorstellen, wie der große Schriftsteller Theodor Fontane privat herumjammert. Das will der Ehemann nun gar nicht hören und giftet am 16. Mai zurück: »[…] das Gesicht, mit dem Du mitträgst, hat noch niemals eine Last leichter gemacht.«. Wieder hat der drohend wackelnde Zeigefinger von Christian Grashof seinen Auftritt und das Publikum quittiert die direkte Unfreundlichkeit Fontanes mit einem verblüfften O-Mund. Schließlich ist es Emilie, die am 26. Mai versöhnliche Töne anschlägt.

© Aufbau

Dies ist bei allen Krisen, Bangnissen und Querelen, die in den Briefen eines so langen Ehelebens stecken, vielleicht die wichtigste Botschaft des Abends im Literaturhaus Leipzig: Am Ende heißt es doch immer: »In alter Liebe. Dein Th. F. « oder »Deine dich innigst liebende Frau.« So können die Älteren im Publikum über die von Wachowiak und Grashof vorgetragenen Ehegespräche gelassen und abgeklärt schmunzeln und der Rezensent, nun bestens vorbereitet auf das irgendwann Kommende, noch ein paar freie Sommertage vor dem ernsten Herbst des Lebens genießen.

 

Beitragsbild: Briefe in allen Lebensphasen: der Schriftverkehr zwischen Emilie und Theodor Fontane in den Bänden der großen Brandenburger Ausgabe. Eine Auswahl von 123 Briefen ist Mitte Juli im Aufbau-Verlag erschienen. © Martin Lindner


Die Veranstaltung:Emilie und Theodor Fontane »Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles«. Eine Ehe in Briefen, gelesen von Jutta Wachowiak und Christian Grashof, Literaturhaus Leipzig, 28.08.2018, 19.30 Uhr


Das Buch:Emilie Fontane, Theodor Fontane: Die Zuneigung ist etwas Rätselvolles. Eine Ehe in Briefen. Herausgeben von Gotthard Erler. Berlin 2018, 320 Seiten, 16,82 Euro, E-Book 13,99 Euro

 

 

Der Rezensent: Martin Lindner

 

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