Mein Abschied von meinem Land

Dagmar Scharsichs Kriminalroman über den Sommer ’89 wurde dieses Jahr nach 25 Jahren noch einmal neu aufgelegt. Gefühlvoll, wie es nur eine Zeitzeugin kann, liest sie auf der Leipziger Buchmesse.

© Argument/ariadne Verlag

Die Frau, die sich mit einer Ausgabe von »Die gefrorene Charlotte« an uns fünf Zuhörern vorbei den Weg zum Mikrofon bahnt, sieht so gar nicht aus wie auf dem Autorenfoto von Dagmar Scharsich. Sie stellt sich vor als Anne Kuhlmeyer, ebenfalls Autorin des Argument/ariadne Verlages, und erklärt humorvoll: »Dagmar Scharsich ist eingeschneit.« So beginnt also die Lesung, ohne Autorin, und wir lauschen zunächst einmal Kuhlmeyers Worten über den Krimi. Sie selbst ist 1961 geboren und hat die DDR und die Wende aus Perspektive einer DDR-Bürgerin sehr bewusst miterlebt, was ihr auch einen besonderen Zugang zum 1993 erschienenen Buch verschafft. »Wolgatreidler«, erinnert sie sich mit einem Lächeln. »Weiß noch jemand, was damit gemeint ist?« Wolgatreidler sind Männer, die im Frühjahr und Herbst kleinere Schiffe die Wolga flussaufwärts gezogen haben, habe ich jetzt gelernt. In der DDR ein stehender Begriff, und von solchen Begriffen lebt auch Scharsichs detailgenaue Erzählung.

Im Zuschauerraum herrscht währenddessen leichte Fluktuation: ehemals zu fünft, sind wir mittlerweile acht Lauscher. Es steht wieder jemand von seinem Hocker auf, aber da kommen drei neue dazu! Trotzdem entsteht keine Unruhe und das Zuhören fällt leicht im kleinen, fast geschlossenen Raum »Der Bühne«. Eine der Neuankömmlinge ist dieses Mal die Autorin, die leicht verlegen nach vorne schleicht. »Mein Buch ist einerseits ein Krimi der Wendezeit und gleichzeitig auch mein Abschied von meinem Land«, erzählt Dagmar Scharsich. Da sie sich dieses Abschiedes sehr genau bewusst gewesen ist, hat sie versucht, die Vergangenheit und das bezeichnende Gefühl des Sommers 1989 im kleinsten Detail festzuhalten.

Als sie das erste Kapitel zu lesen beginnt, tauchen wir ein in die von über tausend Puppen bevölkerte Wohnung der Tante. Es ist der 30. Geburtstag der Protagonistin Cora Ost, einer Figur, die in dieser Art von Naivität ihr Leben verbringt, die verhindert, dass man in einem totalitären System Stellung beziehen muss. Scharsichs ruhige, leicht atemlose Stimme passt perfekt in dieses Szenario von Sommerhitze und einer scheinbar stehengebliebenen Welt. Ihre Worte malen ein assoziatives Bild vor mein inneres Auge, ohne dass ich mich überhaupt meiner Vorstellungskraft bedienen muss: die schlaff hängenden Fahnen vor dem Fenster, die gläsernen Augen der Puppen, der staubige Gummibaum in der Ecke. Jedes Detail wird so genau beschrieben, dass auch jemand ohne persönlichen Bezug zu jener Zeit die Atmosphäre spüren kann.

Dagmar Scharsich. © Argument Verlag

Viel zu schnell ist das Kapitel vorbei, doch dann beginnen die zwei Frauen an den Mikrofonen sich wie alte Freundinnen zu unterhalten, seltsam schön und intim, verbunden durch eine gemeinsame Erfahrung der Vergangenheit und eine heute geteilte Nostalgie. Scharsich beschreibt Cora Ost als eine »Summe aller schwierigen Eigenheiten ihrer damaligen Freundinnen und Kolleginnen. 40 Jahre DDR hinterlassen Spuren«, sagt sie. Auf die Frage, warum ihr Buch gerade jetzt neu aufgelegt wurde, wirkt sie selbst freudig verwundert. Sie sieht heute allerdings viele Parallelen zu damals, Ausgrenzung, Polarisierung und gleichzeitig ein Gefühl von Machtlosigkeit.

Ihr Buch soll neben der fesselnden Geschichte auch eine Anregung sein, aufzustehen »und nicht alles hinzunehmen. Wir sind ja heute viel zu brav.« Diese Worte geben mir noch einmal einen neuen Zugang zum Gelesenen und ich bin positiv überrascht von dem Gefühl, das sich gegen Ende der Lesung bei mir einstellt: Ich respektiere Scharsich nicht nur als Autorin mit Liebe zum Detail, sondern auch als eine intelligente und gefühlvolle Frau. Und so steht sie auch auf, bedankt sich für den Applaus aus wenigen, aber begeisterten Händen und verlässt die Bühne vorsichtigen Schrittes. Eine sanfte Revolutionärin.

Beitragsbild: Die Autorin Dagmar Scharsich (rechts) und Kollegin Anne Kuhlmeyer (links) unterhalten sich angeregt. © Sophia Meyer


Die Veranstaltung: Dagmar Scharsich liest aus Die gefrorene Charlotte, Moderation: Anne Kuhlmeyer, Messegelände, Die Bühne, 17.3.2018, 12 Uhr

Das Buch: Dagmar Scharsich: Die gefrorene Charlotte. Argument/ariadne Verlag, Hamburg 1993, 439 Seiten, 13 Euro


 

 

Die Rezensentin: Sophia Meyer

 


 

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