»Manchmal vielleicht etwas zu chaotisch… aber jeder Tag ist spannend.« Auf ein Wort mit dem Wannenbuchverlag

Mit Autoren Geschichten entwickeln, Buchbloggern Leseexemplare schicken, Social-Media-Kanäle bedienen, Buchhaltung machen: ein Job im Verlagswesen ist nicht einfach – dafür aber umso faszinierender. Was den Arbeitsalltag von Jens Korch, Verlagsleiter beim Wannenbuchverlag, letztlich so spannend macht und wie eine »Schnapsidee« zu einer komplett neuen Buchidee geführt hat, das hat er uns in einem Interview vor der Leipziger Buchmesse verraten.

LL: Hallo lieber Jens vom Wannenbuch-Verlag. Danke, dass du dir für uns Zeit nimmst!
JK: Danke ebenso – schön, dass es geklappt hat.

LL: Euer Konzept klingt einfach wie aber auch genial, denn ihr habt es geschafft, zwei meiner liebsten Beschäftigungen endlich zu vereinen, nein, eigentlich zu verbessern: durch eure Bücher kann man baden und gleichzeitig lesen – ohne das Buch zu versenken. Einfach wunderbar! Wie seid ihr denn auf diese Idee gekommen?
JK: Es war eigentlich eine Schnapsidee – vor ein paar Jahren mit Freunden am Pool in der Toskana geboren. Wir waren im Urlaub und es waren Kinder mit, die bei der Hitze im Wasser saßen und in Babybadebüchern blätterten. Auch die Großen hätten sich dort gern abgekühlt und gelesen. Die Frage stand also im Raum: »Warum gibt es keine wasserfesten Bücher für Erwachsene?« Gedacht – getan. Mit einer Freundin haben wir losgelegt und das Konzept einfach selbst entwickelt.

Mord unter Null © Wannenbuchverlag

LL: Du bist ja der Verlagsleiter beim Wannenbuch-Verlag, das heißt, du warst bei der Geburtsstunde des Verlags mit dabei. Wie lange hat es denn gedauert – von der Idee bis zum ersten, fertigen Exemplar?
JK: Bestimmt ein Jahr. Es war ganz schön kniffelig, denn wir hatten vom Verlagsgeschäft so gar keine Ahnung. Zur Gründung waren wir zu zweit, eine gute Freundin und ich. Wir sind beide Journalisten und haben recherchiert – nach Autoren, nach einer Druckerei, nach Verkaufswegen. Als die erste Palette Wannenbücher (ein Krimi und ein Liebesroman) dann endlich vor der Tür stand, waren wir ganz schön aufgeregt. Und tatsächlich fanden die Buchhändler die Idee spannend. So wurden aus den ersten beiden Titel dann nach und nach mehr.

LL: Dabei bietet ihr auch allerhand Genres an, ob Krimis, Erotikbücher oder Ratgeber – bei euch bekommt man alles. Wiederum das bedeutet für mich, dass ihr sicherlich etliche Geschichten zugeschickt bekommt und dann auswählen müsst, welche letztlich zu euch als Verlag passen. Aber: was macht denn eine gute Story aus? Wie sucht ihr die Geschichten konkret aus?
JK: Sie muss uns zu allererst selbst gefallen. Eine Kurzgeschichte im Wannenbuch muss auf wenige Seiten passen, es muss spannend sein, was zum Schmunzeln, gern ein Gag. Dazu kommt der Titel – kurz und prägnant und so, dass auch andere Leser ihn gut finden. Und im Idealfall das Buch sofort haben möchten. Wir befragen Freunde und Familie bei jedem Titel, es gibt ein richtiges Testpublikum vorab und sogar einen Wannenbuch-Beirat aus Experten. Da sind Buchhändler, Journalisten, Buchblogger – die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen.

LL: Und was bringt eine Geschichte eben nicht mit, die ihr von vornherein aussortiert?
JK: Wenn sie eben genau das nicht hat – wenn sie langatmig ist, vorhersehbar, uninspiriert. Wenn der Gag nicht zündet oder das Thema schrecklich banal ist. Leider kommen solche Manuskripte auch gar nicht mal selten an …

LL: Wie darf man sich das dann vorstellen? Sind die Manuskripte dann fertiggeschrieben, wenn sie zu dir kommen, oder entwickelt ihr die gemeinsam mit den Autoren?
JK: Ganz unterschiedlich. Wir arbeiten mit ein paar Autoren zusammen, die können auf Zuruf zu einem Thema eine knackige kurze Geschichte liefern. Beispiel: Als der Einhorn-Trend durch die Lande lief und die Supermärkte voll mit Einhorn-Ketchup, -Nudeln, -Klopapier waren, da wollten wir einen Anti-Einhorn-Krimi. Schluss mit dem Trend, denn der nervt. Die Autorin hat die Idee umgedreht und einen echt coolen Krimi geschrieben, bei dem am Schluss ein Einhorn tot ist – aber kein echtes, sondern ein Mann mit diesem Namen … In anderen Fällen suchen wir aber auch Autoren und arbeiten mit ihnen gemeinsam an der Idee. Etwa bei den Badewannen-Ratgebern – Yoga für die Wanne, Fitness oder Gehirnjogging. Wir geben den Rahmen und die Struktur vor, die Autoren feilen dann. Beim Titel übrigens haben wir die Hoheit, aber immer in Absprache mit den Autoren – schließlich müssen die auch hinter dem fertigen Werk stehen.

LL: Und wenn dann einmal ein Autor mit seiner Geschichte überzeugen kann, wie geht es dann weiter?
JK: Wir haben zu jeder Buchmesse immer zwei, drei Neuerscheinungen – also im Frühjahr und Herbst. Der Plan, was erscheinen soll, reicht grob mindestens ein Jahr voraus. Wenn wir uns auf ein Thema festgelegt haben, wird mit den Autoren gesprochen und dann am Werk gefeilt. Lektorat und Co eben. Auch die Optik ist wichtig, das Cover muss passen, der Titel wie erwähnt sowieso, denn der ist die halbe Miete – mindestens. Danach wird gedruckt und wir fangen mit dem Marketing an, verschicken Presseinfos, informieren Blogger, machen Leserunden …

Pappboxen © Wannenbuchverlag

LL: Ihr setzt ja jetzt auch auf umweltschonendere Materialien. Umweltschutz, weniger Plastik: sind das auch Themen, mit denen ihr euch beschäftigen müsst? Und wie kam es konkret zu dieser Entscheidung?
JK: Unsere Wannenbücher sind aus Kunststoff – ebenso wie die bekannten Babybadebücher. Da wird sich wohl auch nichts ändern, denn wir haben bisher keine Materialien gefunden, die gute Alternativen wären. Aber wir haben trotzdem die Umwelt im Blick. Anfangs waren alle Bücher in Kunststoff-Beuteln verpackt. Über die Jahre haben wir gemerkt, dass die Kunden damit anders umgehen. An den Büchern selbst stört sich niemand, im Gegenteil. Aber die Verpackung, die ja im Müll landet, sollte schonend mit der Umwelt umgehen. Wir haben lange dran getüftelt, mit der Druckerei viele Optionen durchgeschaut. Und auch unser Wannenbuch-Beirat hat geholfen, eine endgültige Lösung zu finden. Jetzt haben wir eine Verpackung aus Pappe – eine Pappbox quasi. Das Material ist recyclebar. Es sieht noch dazu schick aus. Es kostet uns in der Herstellung etwas mehr als die bisherige Verpackung – aber das Feedback von Buchhändlern und Leser ist durchweg positiv. Und das ist es uns wert.

LL: Vielleicht nimmst du uns einfach gedanklich mal einen Tag mit? Wie sieht dein Alltag als Verleger aus?
JK: Manchmal vielleicht etwas zu chaotisch… aber jeder Tag ist spannend. Ich mache gern alles gleichzeitig: auf Facebook und Instagram etwas posten, mit Händlern telefonieren, Angebote schreiben, Bloggern Leseexemplare schicken, daneben Buchhaltung machen, Autoren kontaktieren, mit anderen Verlagen sprechen – es gibt immer etwas zu tun. Eine Mitarbeiterin kümmert sich um Versand und Rechnungen, das hilft sehr bei der Arbeit. Der Tag ist meist viel zu kurz, aber dann kommt ja bald der nächste.

LL: Wie bist du denn persönlich zum Verlagswesen gekommen? War das schon immer dein Traum?
JK: Ich habe Betriebswirtschaft studiert mit Schwerpunkt Marketing, danach folgte ein Volontariat bei einer Tageszeitung und dort habe ich dann auch viele Jahre als Redakteur gearbeitet. Das war zwar auch das Verlagswesen, aber aus Sicht eines Journalisten eben. Die ‚andere Seite‘, also alles was Produkte, Kosten, eben Geschäftliches eines Verlags betrifft, kannte ich auch nicht. Als wir die Idee mit der Edition Wannenbuch hatten, zeigte sich schnell: so einen Verlag nebenher nach Feierabend zu stemmen, das klappt nicht. Ich habe dann den Redakteursjob gekündigt und mich hauptberuflich um den eigenen Verlag gekümmert.

LL: Und ganz konkret: wie wird man denn Verleger? Könnte ich morgen einfach einen Verlag gründen und dann Bücher herausgeben?
JK: Klar – das kann im Prinzip jeder. Sofern die Idee stimmt, man Ausdauer hat, vielleicht etwas Kapital – und es nicht nur ein Hobby bleiben soll. Es steckt tatsächlich viel Arbeit dahinter und manchmal klappt auch etwas nicht. Kreativität ist sicherlich gefragt, auch mal abseits fester Pfade etwas probieren – auch wenn es nicht immer gleich funktioniert.

Friedhof der Badeenten © Wannenbuchverlag

LL: Was macht deiner Meinung nach denn einen guten Verleger aus? Erfahrung? Talent? Gespür für lesenswerte Geschichten? Und würdest du sagen, dass du diesem Bild auch selbst entsprichst?
JK: Ich gebe mir zumindest Mühe, das alles zu vereinen 🙂 Ich schaue viel, was andere Verlage so machen. Wir haben bei Facebook eine sehr spannende und rührige Gruppe aus Kleinverlagen. Wir tauschen uns quasi jeden Tag aus – wenn einer nicht weiterweiß, hat ein andere ganz sicher eine Idee. Viele von uns kennen sich persönlich von Buchmessen. Ich habe schon viel dort gelernt und schaue auch sehr genau, was andere so machen, welche Ideen sie haben, wie sie sich vermarkten. Warum nicht etwas abschauen, wenn es funktioniert? Das ist legitim. Ein guter Verleger muss Unternehmer und Kreativabteilung und alles möglich andere zugleich sein.

LL: Um wirklich 100% zu geben, ist bei mir beispielsweise ein gutes Arbeitsumfeld entscheidend. Wenn ich mir vorstelle, ein Buch zu schreiben oder gemeinsam mit einem Verlag zu entwickeln, dann muss ich mich zwangsweise öffnen – anschließend aber auch durch konstruktive Kritik ein Produkt erschaffen, um andere Leser letztlich zu begeistern. Das alles klingt danach, als wäre dieser Buchprozess von vielen Meetings und wichtigen Gesprächen begleitet. Demnach muss ja einfach das Verhältnis zwischen Verlegern und Autoren stimmen. Wie wichtig ist für dich die Beziehung mit Schriftstellern? Und was tust zu für ein gutes Verhältnis?
JK: Wenn du mit den Autoren auf einer Wellenlänge bist, macht das vieles einfacher. Es gibt Autoren, die schreiben ihre Geschichte, geben sie beim Verlag ab und sagen dann: »So, nun mach du mal, dass das ein Bestseller wird. « Aber so funktioniert das nicht. Beides Seiten müssen etwas dafür tun. Und dafür muss eben das Verhältnis gut sein – um auf kurzem Weg Absprachen zu treffen. Mal kommt eine Interviewanfrage einer Zeitung, mal fragt eine Buchhandlung nach einer Lesung – dann muss ich kurzfristig beim Autor nachhaken. Und er muss selbst auch wollen, dass sein Buch funktioniert. Es ist also auch nach dem Erscheinen des Titels ganz schön Arbeit zu erledigen, für Verlag und Autor gleichermaßen.

LL: Praktisch bestimmen gute Geschichten, Wörter und Bücher deinen ganzen Berufsalltag. Gab es denn dann auch schon mal ein Moment, in dem du Bücher nicht mehr sehen konntest? Also, hat man denn überhaupt noch Lust, auch privat ein paar gute Bücher durchzulesen?
JK: Also privat komme ich tatsächlich manchmal viel zu selten zum Lesen. Der SUB – der Stapel ungelesener Bücher – ist riesig. Ich lese aber dennoch gern. Und nein, genervt von Büchern war ich noch nie.

LL: Bald beginnt ja wieder die Leipziger Buchmesse, wo ihr auch mit einem Stand vertreten sein werdet. Wie läufts mit den Vorbereitungen?
JK: Jetzt kurz vor Start steht alles. Der Stand ist geplant, die Autoren sind eingeladen, die Blogger wissen Bescheid, für die Händler gab es Rundmail. Das Personal für den Stand ist ebenso vorbereitet. Die neuen Bücher sind aus der Druckerei da. Jetzt kann es endlich losgehen mit dem Lesefest!

LL: Was gibt es vor den Messen zu tun?
JK: Eben all das – einladen, Werbung machen, neue Bücher produzieren, für das eigene Verlagsprogramm trommeln. Darum geht es ja auf der Messe, dass möglichst viele Leute wissen, dass es uns gibt.

LL: Was genau erwartet uns denn an eurem Stand? Verfolgt ihr da ein konkretes Ziel? Akquiriert ihr dort Kunden oder neue Autoren? Oder lasst ihr euch sogar inspirieren?
JK: Von allem etwas. Wir hoffen, dass Buchhändler durch die Hallen schlendern, die uns noch nicht kennen. Dass Leser kommen, die uns noch nie gesehen haben. Sie sollen stehenbleiben und sagen: »Ach kuck an, davon habe ich noch nie gehört – aber ich finde die Idee spannend.« Das klappt tatsächlich oft. Im Idealfall kaufen diese Kunden dann noch ein Buch oder empfehlen uns weiter. Oder der Händler stellt unsere Titel in seinen Laden, weil sie ihm gefallen und er darin Potential sieht. Und wir freuen uns auf neue Autoren. In Leipzig haben wir zum Beispiel die Autorin unseres Gehirnjogging-Buchs gefunden. Sie stand am Messestand und fand unsere Bücher gut. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass sie Gedächtnistrainerin ist. Ein Jahr später lag ihr fertiger Wannenbuch-Titel vor.

LL: Gibts es noch weitere Highlights, auf die ihr euch zur LBM19 freut?
JK: So viele tolle Menschen wiederzutreffen, die wir in der Verlagsbranche kennengelernt haben. Es ist wie eine Art Familientreffen – alle haben dieselben Sorgen und Nöte und sind dennoch sehr engagiert.

LL: Und was ist in diesem Jahr ansonsten noch geplant? Neue Buchideen?

Für immer und … © Wannenbuchverlag

JK: Unser Highlight für Leipzig: Brandneu und echt kurz vor knapp aus der Druckerei geliefert. Es ist das erste Doppel-Badebuch für die Wanne. Eine Idee für Verliebte. Zwei Bücher in einem Geschenkset, wobei die Handlung von einem Buch zum anderen springt. Ein der Titel heißt »Für immer und … Adam« und wird vom Mann vorgelesen. Der andere heißt »Für immer und … Evi« und ist Part der Frau. Erst gemeinsam wird eine romantische Geschichte daraus. Wir sind gespannt, wie die Doppel-Idee ankommt.

LL: Das sind wir auch! Wir wünschen euch viel Erfolg auf der Buchmesse und danken dir für deine Zeit.
JK: Dankeschön ebenso!

Beitragsbild: Buchtapete auf der Wannenablage © Wannenbuchverlag


Die Rezensentin:

 

 

Annika Bode

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