Märchenhaftes Erzählen in märchenhaftem Ambiente

Märchenhaftes Erzählen in märchenhaftem Ambiente

Bei der 1. Nacht der Leipziger Märchenerzähler*innen im Leipziger Budde-Haus wird eine alte Tradition aufgegriffen.

Es war einmal ein Studierender der Universität Leipzig, der sich aufmachte in den Leipziger Norden. Genauer gesagt führte sein Weg ins Budde-Haus im Stadtteil Gohlis. Hier, so hieß es, würden an einem Abend Geschichten und Märchen erzählt und damit eine alte Tradition der Erzählens fortgeführt werden. Und so kam es, dass am 29.09.2018 ab 20 Uhr an eben jenem Ort insgesamt sieben Leipziger Märchenerzählerinnen und Märchenerzähler ihre Geschichten über Liebe, Mut, Habgier, Freundschaft, Hingabe oder Missgunst in tollem Ambiente vortrugen. Denn, so befand der Studierende, das Budde-Haus ist als alte Jugendstil-Villa bereits eine sehr charmante Lokation mit fast schon märchenhaftem Charakter.

Märchenhaftes Budde-Haus © Florian Herold

Nachdem sich das Publikum und auch der Studierende an einem Stand für einen kleinen Taler mit Getränken versorgt hatte, wurde der Abend musikalisch eröffnet. Und es begab sich, dass im Anschluss ein Korb mit Gegenständen gezeigt und mit dessen Hilfe die Reihenfolge der Geschichten bestimmt wurde. Denn jedem Objekt in dem Korb ward eine Erzählung inne. Und so wurde die erste Person aus dem Publikum auserwählt, in den Korb zu greifen. Das Resultat hieraus war eine Blüte und so hörten der Studierende und die anderen Personen im Anschluss Angelika Tilsner zu, wie sie das norwegische Märchen »Annemone, Pflanze und Schmetterling« vortrug. Dem Applaus folgte die Ziehung eines Brotes aus dem Korb mit den Gegenständen und so erzählte Peggy Burian mit »Der Räuberbräutigam« die Geschichte einer Müllerstochter und ihrem zukünftigen Ehemann. Doch dieser führt nichts Gutes im Schilde und  gehört einer Bande von Räubern an. Die Tochter kommt Ihnen auf die Schliche und muss dafür beinahe mit dem Leben bezahlen. Doch zum Glück bekommt Sie Hilfe von einer alten Dame und die Geschichte nimmt noch ein gutes Ende. Zumindest für die Müllerstochter. Dem Ende der Erzählung folgte, wie auch bei den anderen Erzählungen, eine kleine musikalisch Untermalung durch Daniel Prantl, der mit seinem Violoncello einen wunderbaren Rahmen für die Märchen inszenierte.

Nachdem der letzte Ton verstummt war, machte sich die nächste Person aus dem Publikum auf, einen Gegenstand aus dem Behältnis zu befreien. Ein Säckchen mit Gewürzen kam zum Vorschein. »Gewürze? Majoran? Nun hören wir bestimmt die italienische Erzählung vom Majorantopf« dachte sich der Studierende. Und er sollte Recht behalten. Maria Carmela Marinelli trat auf die Bühne und sang und sprach, mal in deutsch, mal in italienisch, von einer Liebe zweier Menschen, Nachbarn um genauer zu sein, die einen ungewöhnlichen Weg geht, um zu Stande zu kommen. Es folge ein glückliches Ende der Geschichte und ein langer Applaus für die Erzählende.

Das Publikum war von dem bisher Gebotenen und Gehörtem angetan und auch der Studierende freute sich auf die noch folgenden vier Erzählungen. Doch bevor der nächste Gegenstand aus dem Korb gezogen werden konnte, wurde inne gehalten und für das leibliche Wohl der Gäste gesorgt. In der halbstündigen Pause hatten die Besucherinnen und Besucher die Möglichkeit, sich von der gedeckten Tafel im Nebenraum zu bedienen. Brot, Aufstriche, Süßigkeiten und Obst wurden gereicht. Der Studierende jedoch beschränkte sich auf Flüssignahrung und suchte erneut den Getränkestand auf.

Als die Plätze wieder besetzt waren, wurde sogleich der nächste Gegenstand gezogen: Eine goldene Feder. Und so kam es, dass Detflef Vitzthum die Bühne betrat. Er erzählte den Zuhörenden die Geschichte von einem Zar und seinem treuen Diener. Dieser war Jäger und hatte ein sprechendes und überaus kluges Pferd. Für den Zar musste der Jäger allerhand Aufgaben bewältigen und es begab sich, dass das Pferd ein ums andere Mal rettend zur Hilfe kam. So auch, als der Jäger in kochendes Wasser steigen und schwimmen musste, weil die Angetraute des Zaren es als Voraussetzung für Ihre Hochzeit ausgesprochen hatte. Das Pferd jedoch pustete das Wasser und kühlte es ab, sodass der Jäger unverletzt und schöner denn je aus dem Wasser steigen konnte. Dem Zar missfiel dies, sollte er doch eigentlich derjenige sein, dem das schönste Antlitz eigen sein sollte. So stieg auch er in das kochende Wasser und kam nicht lebend wieder heraus.

Im Anschluss an diese Erzählung kam Dorothea Adler auf die Bühne, weil ein goldener Apfel aus dem Korb gewählt wurde. Denn dieser, so erfuhren die Anwesenden, stammt in der Erzählung vom Baum des Lebens und führt zu der Hochzeit eines einfachen Hofdieners und einer Königstochter. Der Diener besitzt die Fähigkeit, die Sprache der Tiere zu verstehen und hilft und beschützt so manche Kreatur. Diese helfen ihm wiederum und so kommt es, dass drei Raben ihm den Apfel bringen, den die Königstochter gefordert hat, damit er sie heiraten darf. Auch hier, so vernimmt der Studierende, spart das Publikum am Ende der Geschichte zu recht nicht mit Applaus. Doch sogleich dieser verstummt war, wurde erneut der Korb gezückt und eine Person aus dem Publikum auserwählt, einen Gegenstand zu ziehen. Ein Sack mit Geldmünzen zeigte sich und Regina Vitzthum betrat die Bühne.

Ihre türkischstämmige Erzählung  »Hodscha und das Instrument« ergänzte sie stellenweise mit akustischen Elementen, welche sie auf ihrer Handtrommel spielte. Dies gefiel den Anwesenden sichtlich und auch die Geschichte, welche von einem gläubigen Mann handelt, der eher zufällig zu Reichtum kommt, fand Anklang.

Und so befand sich nur noch ein Gegenstand in jenem Korb und es ward gespannte Stimmung, was es wohl sein könnte. Zur Überraschung aller stellte sich heraus, dass sich nun nur noch ein Dessous-Oberteil in dem Korb befand, was für einige Lacher sorgte. Genauso wie die anschließende Geschichte von Susanne Karge. Denn in ihrer Erzählung  »Die vertauschten Betten« weiß am Ende weder der darin vorkommende Gastwirt und seine Frau noch die Gastwirtstochter und ihr Verehrer, wer mit wem im Bett gelegen und romantische Gefühle gehegt hat.

Der gemütliche Abend schloss mit einem weiteren Musikstück und ein paar dankenden Worten der Moderatorin Maren Uhlig ab. Im Anschluss leerte sich der Saal, hier und da wurden noch Unterhaltungen geführt. Der Studierende jedoch trat die Heimreise an. Und so lautet die Moral von der Geschicht: Die 1. Nacht der Leipziger Märchenerzähler*innen lohnte sich.

 

Beitragsbild:  Zum Abschluss der Veranstaltung gab es noch einmal einen herzlichen Applaus für alle Märchenerzähler*innen.  © Florian Herold


Die Veranstaltung:1. Nacht der Leipziger Märchenerzähler*innen, Budde-Haus, 29.09.2018, 20.00 Uhr


 

 

Der Rezensent: Florian Herold

 

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