Lyrik auf der Messe – naja!

Max Czollek liest aus seinem Lyrikband „Jubeljahre“.

Von Marie Lautenschläger

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Der dritte Plastikstuhl (Ikea – ich habs genau gemerkt!) auf der Bühne war leer. Auf den anderen beiden: Lea Schneider und Max Czollek vom Verlagshau J. Frank aus Berlin, im Gepäck ihre neuesten Lyrikbände. Ich war wenigstens nicht abgehetzt, als ich gestern (Messedonnerstag, offiziell erster Tag der Messe-Madness) auf der Leseinsel in Halle 5 ankam. Abgehetzt sein war nicht möglich: Zu viele Menschen, die mit ihren Rucksäcken voll Kostenloskugelschreibern- und Flyern die Gänge verstopften. Zu viele Menschen, die ihre Körper mit eben gekauften Büchern durch die Gänge schoben. Zu viele Menschen, die aussahen wie ihre Mangavorbilder. Einfach zu viele Menschen.

Nur auf der Leseinsel war es recht ruhig. „Ich glaube, wir sind hier falsch“, tönt es neben mir von der Schar Teenager, die zu Beginn der kombinierten Lesung von Lea Schneider und Max Czollek noch ins Gespräch vertieft waren, spätestens aber als bei Lea Schneiders Gedichten die Worte „Arsch“ und „Blasen“ fielen, dann vollends aufmerksam waren.

Es ist kurz nach elf Uhr mittags, das Käsebrötchen schmeckt und das weitestgehend junge Publikum, wie auch ich, versuchen, die omnipräsenten Gurgel- und Murmelgeräusche des Messehintergrundes auszublenden. Max Czollek sitzt neben seiner Autorenkollegin entspannt auf der Bühne, nuckelt an seinem Wasserglas und hat sich hoffentlich auch gefragt, was zur Hölle die komischen weißen Holzbäume, über die ständig alle stolpern, am Gesamtkonzept verschönern sollen. Die Menschen fluten am Stand vorbei und so richtig Ruhe kehrt zwischen den zwei knallroten Wänden der „Leseinsel“ nicht ein. Das Publikum wechselt wie beim Stuhltanz, alle drei Minuten sehe ich einen anderen Rücken. Dann folgt ein Applaus für Lea Schneider und alle sind erleichtert als Max Czollek am Mikrofon fragt: „Hallo, kann man mich hören?“ Wir können ihn tatsächlich hören!

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Darauf gibt er in der Romantik des Scheinwerferlichtes die Erklärung, dass das erste Werk „Druckkammern“ ernster und düsterer gewesen sei, aber „dieses Mal geht es um die schönen Dinge.“

Die Lesestimme von Max Czollek ist wunderbar angenehm, er hat geübt. Und wenn er nicht geübt hat, dann ist er einfach ein Naturtalent. Plötzlich nimmt auch das Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel ab und die Menge an Publikum zu.

So ganz schön sind die Dinge von denen er liest dann doch nicht. Nach der „Anleitung zum Erwachsenwerden“, in der alle noch ganz angetan waren von der beflügelnden Vorstellung von Brombeertinte und einem Wolkenpanzer, bemerkt der Autor schnell selbst: „Na das mit dem Glücklichen hat dann doch nicht geklappt, das geht mehr in die Abgründe.”

Nun „opfert einer vor seinem Fenster Schnapsflaschen“ und es folgen Texte mit fröhlichen Überschriften wie Testament“. Autorenlesungs-Flair kommt nicht auf, dazu ist die Atmosphäre zu hektisch, zu sehr Messestand, da hätte ein mit Blumen dekoriertes Kellerloch Max Czollek wohl eher einen Gefallen getan. Fazit: Naja. Am Ende gibt es dann aber für Autor plus Gedichte den wohlverdienten Applaus, weil es doch gar nicht so einfach ist, aus einer Lyriklesung gleich Jubel hervorzuholen, selbst wenn das schon zur Hälte im Buchtitel steht.


Zum Buch: Max Czollek: Jubeljahre, Verlagshaus J.Frank, 13,90€.

Zur Lesung: Donnerstag, 12.03.2015, 11Uhr,  Messehalle 5

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