„Literatur zu machen braucht nicht viel: Nur Papier und einen Stift“

Auf der Veranstaltung des europäischen Literaturnetzwerks „Traduki: Die (Wieder)Entdeckung der Stimme“ reflektieren drei Autoren über politische Umbrüche in Ihren Heimatländern.

Von Anne Balzer

Weil Schriftsteller oft einen besonderen Blick auf die politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in ihrem Heimatland haben, hat das Traduki-Forum drei Autoren zum Europa-Café der Buchmesse eingeladen. Barıs Uygur (Türkei), Boris Chersonskij (Ukraine) und Fakur Šehić (Bosnien-Herzegowina) setzen sich in ihrer Literatur auf unterschiedliche Weise mit den in den letzten Jahren erlebten gesellschaftlichen Umbrüchen auseinander. Seien es die Gezi-Proteste in Istanbul, die Maydan-Aufstände in Kiew oder die transethnischen Proteste gegen Korruption und Arbeitslosigkeit in Bosnien-Herzegowina. Eine Stunde, um drei sehr unterschiedliche Bewegungen zu charakterisieren, in ihrem Verlauf und möglichen Perspektiven zu beurteilen, ist nicht viel Zeit. Und es ist dann tatsächlich auch ein Galopp durch die politischen Ereignisse der Länder. Dennoch schaffen es die drei Autoren, ihre Erfahrungen und Einblicke an die Zuhörer zu übermitteln und aufzuzeigen, warum der „Bosnische Frühling“ eben nicht vom „Arabischen Frühling“ inspiriert ist, das Europa in der Ukraine zu oft als idealisierter Ort betrachtet wird und die Türkei erstmal sich selbst verstehen muss, bevor sie sich weiter mit der EU beschäftigt.

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Nach der Veranstaltung beantwortet Barıs Uygur „Leipzig Lauscht“ einige Fragen ausführlicher:

Leipzig Lauscht: Wie haben die Geziproteste die türkische Literatur beeinflusst?

Barıs Uygur : Noch während der Proteste gab es erste Bücher und Zeitschriften mit Reflektionen. Auch später ist das Thema immer noch sehr präsent. Literatur zu machen braucht nicht viel: Nur Papier und einen Stift. Schwieriger ist es, die Ereignisse in Filmen zu verarbeiten, das braucht viel mehr Geld und Zeit.

Leipzig Lauscht: In Ihrem Kurzkrimi „Versprochen“ beginnt der Hauptcharakter, anfangs Erdoğan-Anhänger, langsam umzudenken. Hat sich real etwas an der Zustimmung der Bevölkerung zu Erdoğan verändert?

Barıs Uygur: Das ist wohl ein Wunschdenken, wenn man sich die letzten Wahlergebnisse anschaut. Aber das ist auf ökonomische Gründe zurückzuführen. Zum Beispiel wird die Sozialhilfe immer als Parteigeschenk und nicht als Staatsaufgabe betrachtet. Leute haben also einfach Angst, dass es ihnen zukünftig schlechter geht. Und ich habe es doch auch oft erlebt, dass sich das Denken der Menschen seit den Protesten verändert.

Leipzig Lauscht: Auf dem Podium haben Sie kurz die von Ihnen mitbegründete und in der Türkei sehr populäre Satirezeitschrift „Uykusuz“ gezeigt. Wie frei können Sie Ihre Ideen darin entwickeln?

Barıs Uygur: Wir haben in der Türkei eine lange Tradition von Satiremagazinen. So haben wir Fähigkeiten und Kenntnisse erlernt, wie wir Sachen rüberbringen können. Doch das Geheimnis ist einfach nur, sich eigenständig finanzieren zu können. Wir sind nicht auf Anzeigen oder Subventionen angewiesen, durch die Wirtschaftskonzerne indirekt Einfluss auf uns nehmen könnten.


 

Literaturverweise:

Barıs Uygur: Versprochen. Ein Süreyya Sami Krimi. In: Gezi, Eine literarische Anthologie. Binooki. 19,00€.

Faruk Šehić: Abzeichen aus Fleisch. Gedichte. Edition Korrespondenten. 16,00€

Boris Chersonskij: Familienarchiv. Roman in Versen. Wieser-Verlag. 7,50€.

Die (Wieder-)Entdeckung der Stimme. Europa-Café, Halle 4. Messe. 12.03.2015. 13. 00 Uhr

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