»Lieber einen Tag Freiheit, anstatt ein gesamtes Leben Unterdrückung«

Nahid Shahalimi stellt ihr neues Buch über afghanische Frauen vor.

Aufgewachsen in höchst privilegierten Verhältnissen in einem 37 Zimmer umfassenden Schloss im Herzen Kabuls. Die Familie ist gesellschaftlich hoch angesehen und mischt visionär in der Politik mit. Das alles klingt nach einer glücklichen Kindheit in einem Afghanistan, das vor ungefähr 40 Jahren von Toleranz und Akzeptanz geprägt war. Doch seit dem Putsch und der sowjetischen Invasion in den siebziger Jahren sowie dem Übergriff der Taliban in den Neunzigern ist das Land nicht mehr wiederzuerkennen. Auch Nahid Shahalimi musste im Alter von nur zwölf Jahren fliehen und ihr bisheriges Leben zurücklassen. Die Flucht führte sie, ihre Mutter und die drei Schwestern erst nach Pakistan und dann ins Exil nach Kanada. Seit 2000 lebt die Autorin, Künstlerin und humanitäre Aktivistin in München.

Die Biografie von Shahalimi würde ohne Zweifel für ein eigenes Buch ausreichen. Sie entschied sich jedoch vor drei Jahren dafür, anderen eine Stimme zu geben und die Vielseitigkeit des Engagements der Frauen, die sie seitdem traf und interviewte, vorzustellen.

Zur Präsentation ihres Buches in der Leipziger Stadtbibliothek erscheint Shahalimi in Begleitung ihrer Verlegerin Elisabeth Sandmann. Die beiden führen gemeinsam durch den Abend und stellen eine Auswahl der 20 Frauen vor, um die es in dem Buch »Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan« geht. Sie beginnen mit der erschütternden Geschichte von Farkhunda Malikzada aus Kabul, die auf offener Straße grundlos beschuldigt und daraufhin auf brutale Weise hingerichtet wurde. Ihr Tod löste weltweit Bestürzung aus und brach in ihrem Heimatland viele Tabus. So wurde beispielsweise ihr Sarg erstmals von Frauen getragen, was zuvor ausschließlich Aufgabe der Männer war.

© Elisabeth Sandmann Verlag
© Elisabeth Sandmann Verlag

Nach diesem tragischen Einstieg, der das Publikum sichtlich ergriff, fährt Shahalimi mit positiveren Erzählungen fort. Es folgen Portraits über ein erst 16-jähriges Mädchen, das sich in Afghanistans größtem Flüchtlingslager in Kabul für Kinderrechte einsetzt, über skateboardfahrende Mädchen, die ersten weiblichen Dirigentinnen des Landes, einen Radiosender für Frauen, eine Militärpilotin sowie über die persönliche Beraterin des Präsidenten.

Shahalimi schafft es, viele unterschiedliche Frauen vorzustellen, die alle auf ihre Weise inspirieren. Ihre Lesung wechselt zwischen großem Pathos und Erzählungen, die wirklich berühren. All die Frauen, denen sie durch ihr Buch eine Plattform bietet, haben gemeinsam, dass sie sich gegen gesellschaftliche Widrigkeiten stellen, in einem Land, das ihnen die Freiheit für ein selbstbestimmtes Leben oft verwehrt. Dafür formen sie Räume, in denen sie, wenn auch nur für kurze Zeit, der Unterdrückung entkommen.

Beitragsbild: Nahid Shahalimi mit ihrer Verlegerin Elisabeth Sandmann im Grassisaal der Stadtbibliothek. © Ida Schneider


Die Veranstaltung: Nahid Shahalimi liest aus Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan, Leipziger Stadtbibliothek, 23.3.2016, 19 Uhr

Das Buch: Nahid Shahalimi: Wo Mut die Seele trägt – Wir Frauen in Afghanistan. Elisabeth Sandmann Verlag, München 2017, 160 Seiten, 24,95 Euro


 

 

Die Rezensentin: Ida Schneider

 


 

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