Liebe ist stärker als Arnold Schwarzenegger

Nikolaus Nützel liest aus seinem neuen Buch »Was ist Liebe?« – ein Sachbuch für junge Menschen mit vielen Fragen über große Gefühle

Nikolaus Nützel. © Siegfried Martin

Ich befinde mich in der Aula des Sportgymnasiums Leipzig zwischen lauter Schülern der zehnten Klasse – ist ja auch ein Jugendbuch. Dass ich tatsächlich der einzige »externe« Mensch über 16 sein würde, hatte ich allerdings nicht vermutet.
An der Wand leuchtet groß das Cover von Niklaus Nützels neuem Buch »Was ist Liebe?«. Der Autor, ein etwa 50-jähriger Herr in dunklem Anzug, steht im Kontrast zu dem riesigen pinken Herz seines an die Wand projizierten Buchcovers. Ich fühle mich etwas fehl am Platz zwischen 30 Schülern und aufgeregten Lehrern.

Nach einer biografischen Anmoderation Nützels, die ihn wie einen Talkshowmoderator wirken lässt, teilt er Zettel mit Statements rund um das Thema Liebe aus, die von den Schülern vorgelesen werden sollen: »Liebe ist stärker als Arnold Schwarzenegger« – Das kann man sich vorstellen!

In seinem Buch beschreibt er, anhand der Geschichte des Protagonisten Alexander, die sich hauptsächlich um dessen 18. Geburtstag dreht, viele Szenarien, die Jugendliche in ihrer Pubertät durchleben. Der erste Kuss, der erste Absturz, der Morgen nach der Party – Szenarien, die Fragen aufwerfen und Antworten brauchen. An sich eine nachvollziehbare Herangehensweise, um mit der Pubertät und all Ihren Rätseln umzugehen, allerdings mit einem seltsamen Beigeschmack, wenn das ein Autor Anfang 50 probiert, indem er lauthals Phrasen wie »rollig wie eine Straßenkatze« und »alle Signale standen auf Sex« ins Mikrophon brüllt. Beschämte Schüler und Fremdschämen meinerseits sind das Resultat.

© arsEdition

Das Ganze lässt sich dennoch steigern: Fassungslos bin ich, als er das Bild einer Pornodarstellerin namens Stormy Daniels sowie der Ehefrau von Donald Trump an die Wand projiziert und daraufhin die Jungs fragt, ob diese denn mit den Damen ins Bett gehen würden. Worauf er damit hinaus will, ist die These einiger Wissenschaftler, die besagt, dass »Alles nur Evolution« und sowas wie Liebe reine Biochemie und deswegen nonexistent sei. Die Herangehensweise bereitet mir Gänsehaut und erneut ein Gefühl des Fremdschämens. Ich zweifle stark daran, ob er die richtige Zielgruppe erwischt hat.

Das negative Gefühl legt sich etwas, als er beteuert, dass dieser rein wissenschaftliche Gedanke ihn auch nicht wirklich glücklich gemacht habe und daraufhin ein Gedicht vorliest. Meine positive Stimmung hält allerdings nur, bis Nützel kurz darauf einen Jungen aus dem Publikum auswählt und mit diesem anhand einer walzerähnlichen Tanzpose probiert, das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch, das bei Liebenden entsteht, zu demonstrieren.

Die skurrilen Szenen häufen sich: Er steckt einer Lehrerin einen Ring an den Finger und spielt laut einen Kraftklub-Song über Liebe auf seinem Handy. All das tut er wohl, um die unterschiedlichen, in seinem Buch beschriebenen Aspekte der Liebe, wie »amour fou«, die Liebe auf den ersten Blick und den Wert von materiellen Gesten, oder auch wie man mit dem Thema Homosexualität umgehen kann, für Jugendliche zu verbildlichen. Allerdings wirkt seine Herangehensweise sehr kokettiert und unauthentisch.

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der ein oder andere Schüler sich unterhalten gefühlt hat, bezweifle jedoch, dass bei den Schülern allzu viel von dem Vortrag hängen geblieben ist, als die erste Frage gestellt wird: »Sind sie eigentlich ein Fan von ›Big Bang Theorie‹?«

Beitragsbild: Der Autor vor seinem Cover © Maleka Wiedemann


Die Veranstaltung: Nikolaus Nützel: Was ist Liebe, Sportgymnasium Leipzig, 16.3.2018, 10 Uhr

Das Buch: Nikolaus Nützel: Was ist Liebe. arsEdition, München 2018, 144 Seiten, 15 Euro


 

 

Die Rezensentin: Maleka Maria Wiedemann

 


 

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2 Gedanken zu „Liebe ist stärker als Arnold Schwarzenegger

  1. Schade. Als Autor, der bei Buchpräsentationen über Bücher redet, bitte ich Leute, die mir zuhören, regelmäßig um Rückmeldungen. Weil ich meine Präsentationen verbessern will. Und die rund 300 Veranstaltungen, die ich über elf Jahre hinweg zu meinen acht Jugendsachbüchern hatte, haben sich über die Jahre hinweg immer weiter verändert, ich hoffe: verbessert.
    Wenn also Maleka Maria Wiedemann mir z.B. per Mail eine Rückmeldung zu meiner Veranstaltung in Leipzig gegeben hätte, dann hätte ich möglicherweise ein paar ihrer Gedanken beherzigt und überlegt, was ich besser machen kann. Aber Maleka Maria Wiedemann wurde mir ins Publikum gesetzt, ohne dass ich ahnte, dass sie mir hinterher – für alle Welt lesbar – einen reichlich unprofessionell getexteten Verriss ins Internet stellen würde. So bleibt mir nicht viel mehr übrig als ein gewisses Kopfschütteln. Schade.
    Aber ich will die Gelegenheit nutzen, den Veranstaltern von „Leipzig liest“ und „Leipzig lauscht“ sowie Maleka Maria Wiedemann meinerseits Vorschläge zur Verbesserung ihrer Arbeit zu geben.
    Liebe Veranstalter von „Leipzig liest“: Wenn Ihr Autoren einladet, damit sie (inklusive Anreise und Vorbereitung) rund eineinhalb Arbeitstage investieren, damit sie ohne Honorar bei Euch auftreten, dann sagt ihnen bitte vorher, dass hinterher möglicherweise ein unprofessionell geschriebener Text über die Veranstaltung ins Internet gesetzt wird, der zu wenig mehr taugt als zur Geschäftsschädigung. Dann haben die Autoren die Chance, sich vorher zu überlegen, ob sie da mitmachen wollen. So haben sie erst hinterher die Chance, den Vorsatz zu fassen, dass sie künftig lieber nicht mehr bei „Leipzig liest“ mitmachen.
    Warum der Text von Maleka Maria Wiedemann zu wenig mehr als zur Geschäftsschädigung taugt? Weil man sich eigentlich nicht vorstellen kann, wer einen Nutzen daraus ziehen sollte, zu erfahren, wie Maleka Maria Wiedemann einen Auftritt von Nikolaus Nützel vor Leipziger Schülerinnen und Schülern fand. Dass ein Rezensent Theaterfreunde informiert, wie er eine Neuinszenierung oder Premiere fand, kann den Nutzen haben, dass jene Theaterfreunde eine gewisse Orientierung erhalten. Aber eine Besprechung eines Schulauftritts, der sich in dieser Form in Leipzig wohl nicht wiederholen wird? Welchen Nutzen soll die haben? Doch der Text könnte potenzielle Auftraggeber, die sich überlegen, den Autoren Nützel (im Gegensatz zu „Leipzig liest“ gegen Honorar) zu einer Lesung einzuladen (wie es schon rund 200 Veranstalter getan haben), von ihrem Vorhaben abschrecken.
    Warum der Text reichlich unprofessionell ist? Zunächst: Weil die Autorin nicht sauber beobachtet. Es folgt eine Auflistung von Kleinigkeiten, die in der Summe ein bisschen zu viele Kleinigkeiten sind. Maleka Maria Wiedemann behauptet, der Autor habe einen dunklen Anzug getragen – dabei besitzt der keinen einzigen Anzug, in Leipzig trug er ein dunkles Sakko kombiniert mit einer hellen Hose. Kleinigkeit, klar. Die Beobachtung, es seien 30 Zehntklässler im Publikum gewesen, ist auch falsch. Es waren drei Klassen – also etwa dreimal mehr junge Leute als 30. Und die kamen nicht aus der 10., sondern aus den 8. und 9. Klassen, wenn ich mich nicht sehr täusche. (Bei der Gelegenheit noch ein kleinlicher Tipp zur deutschen Grammatik: das Relativpronomen, mit dem in der deutschen Standardsprache Nebensätze eingeleitet werden, lautet nicht „was“, sondern „das“ – also: nicht „das Gefühl…, was bei Liebenden entsteht“, sondern – Sie wissen schon. Und bei der Gelegenheit noch eine Frage: sagt man wirklich, eine Herangehensweise sei „kokettiert“, also „kokettiert“ als Adjektiv? Müsste das Adjektiv nicht heißen: „kokett“? Ich bin mir da gerade nicht ganz sicher.)
    Unprofessionell ist es auch, Mutmaßungen darüber anzustellen, ob die Zuhörer etwas von der Veranstaltung mitgenommen haben, statt ein paar dieser Zuhörer einfach mal zu fragen.
    Unprofessionell ist es ebenfalls, sich in die Veranstaltung eines Autors zu einem bestimmten Buch zu setzen und sich offenbar nicht näher für das Buch und auch nicht für die Arbeit des Autors zu interessieren. Wenn Maleka Maria Wiedemann mal etwas intensiver ins Buch geschaut hätte, hätte sie vielleicht nicht so verständnislos auf die Frage aus dem Publikum „Sind Sie ein Fan von “Big Bang Theory”?“ reagiert, sondern sie hätte gewusst, dass im Buch auf diese Fernsehserie Bezug genommen wird. Sie hätte das Abspielen des Kraftklub-Songs „Kein Liebeslied“ am Schluss der Veranstaltung vielleicht mit dem Schlusssatz des Buches in Verbindung gebracht, in dem der Autor den Leser/innen vorschlägt, sie können ja vielleicht mal ein Liebeslied texten.
    Unprofessionell ist es, das Alter des Autors zu schätzen (immerhin richtig zu schätzen – chapeau!), statt ihn einfach mal nach seinem Alter zu fragen oder das Geburtsjahr des Autors zu googlen.
    Unprofessionell ist es, bei einem Bericht über eine Kulturveranstaltung über nichts als seine eigene Perspektive nachzudenken und zu schreiben. Der Text von Maleka Maria Wiedemann beginnt wohl nicht zufällig mit dem Wort „Ich“, und dieses Wort folgt oft in diesem Text ziemlich oft. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe mal ein ganzes Buch aus der Ich-Perspektive geschrieben. Aber er könnte dafür gute Gründe nennen. Welche guten Gründe Maleka Maria Wiedemann fürs „Ich, ich, ich“ haben könnte, ist mir auch nach längerem Nachdenken nicht erschließlich. Ein schlechter Grund fällt mir hingegen ein.
    Mein Verbesserungsvorschlag an Maleka Maria Wiedemann: Mal überlegen, was ein Text über ein Kulturevent für Nutzen stiften kann, und was er für Schaden anrichten kann. Und überlegen, ob es wirklich nur darum geht, dass die Textautorin ihren Text und möglichst oft das Wort „ich“ auf einer Internet-Seite lesen kann, die versucht, etwas vom Prestige der Leipziger Buchmesse auf sich abstrahlen zu lassen.
    Der wichtigste Verbesserungsvorschlag: Mal irgendwo lernen, wie professioneller Kulturjournalismus geht. Ich bekenne: Auch ich habe ganz am Anfang meines journalistischen Tuns gedacht, Besprechungen und Verrisse über irgendwas Kulturelles kann jeder, also auch ich. Ohne irgendwas darüber gelernt zu haben. Also habe ich fröhlich Aufführungen des Jungen Theaters in Göttingen verrissen und Filme von Eric Rohmer. Ich weiß nicht, ob meine Texte ganz so unprofessionell waren wie Maleka Maria Wiedemanns Text über meine Veranstaltung in Leipzig. Ich kann aber sagen: Mir sind meine Texte von damals heute peinlich. Ich wünschte, ich hätte sie so nicht geschrieben. Oder gar nicht. Denn ich habe zwischenzeitlich erkannt: Kulturverrisse zu schreiben, sollte man sich gut überlegen.
    Besten Gruß aus München, Nikolaus Nützel

    1. Sehr geehrter Herr Nützel,
      Danke für Ihren Kommentar, mit dem Sie den Besucherinnen und Besuchern des Blogs eine zweite Sicht auf die besprochene Veranstaltung bieten.
      Mit dem Ziel Vermutungen zu entschärfen und für Sie, sowie für alle Leserinnen und Leser, eine gewisse Transparenz zu schaffen, möchten wir an dieser Stelle ein paar wenige Worte über diesen Blog verlieren: Bei »Leipzig lauscht« wählen Studierende aus dem Angebot von »Leipzig liest« Veranstaltungen aus, bereiten sich auf diese vor und rezensieren anschließend die besuchte Veranstaltung. Dabei ist ein Verriss nicht das Ziel und böse Absicht sicherlich nicht der Leitfaden für die Auswahl oder das Vorgehen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. In dem begleitenden Seminar werden die Grundlagen des Buchmarktes vermittelt und es findet eine Schreibwerkstatt statt.
      Warum unsere Autorin in diesem Fall die Veranstaltung erlebt hat wie beschrieben, hat sie an verschiedenen Beispielen ausführlich und nachvollziehbar dargelegt. Dass dabei auch Fehler gemacht wurden, bitten wir zu entschuldigen! Diese Beobachtungen haben Sie in Ihrem Kommentar genannt und korrigiert. Ihren Hinweis auf die grammatikalische Unfeinheit haben wir dankend zur Kenntnis genommen und entsprechend korrigiert.
      Mit freundlichen Grüßen vom Leipzig-lauscht-Team

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