Leseorte: Gohliser Schlösschen

Ein historisches Idyll inmitten der Stadt.

Auffällig und prunkvoll ragt im nördlichen Stadtteil Gohlis ein Schmuckstück der Rokoko-Architektur zwischen den typischen Gründerzeithäusern heraus. Umgeben von einer gepflegten Grünanlage lädt das vanillegelbe Schlösschen dazu ein, den Alltag hinter dem schmiedeeisernen Tor zu lassen und sich auf eine Reise in längst vergangene Zeiten zu begeben.

Das ehemalige Sommerpalais hat eine belebte Geschichte und überdauerte die Jahre glücklicherweise relativ unbeschadet. Der Leipziger Kaufmann und Ratsbaumeister Johann Caspar Richter ließ es sich 1756 bauen. In den Jahrhunderten darauf wechselte es mehrmals den Besitzer und diente für verschiedene Zwecke. Während es in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts noch als geistiges Zentrum fungierte und selbst Friedrich Schiller zu seinen Gästen gezählt haben soll, wurde es während der Völkerschlacht als Militärquartier und -hospital umfunktioniert. In den 1930er Jahren sanierte die Stadt Leipzig das Gohliser Schlösschen dann und öffnete es als »Haus der Kultur« für die Bevölkerung. Seit den fünfziger Jahren waren Teile des Leipziger Bach-Archivs, das sich heute gegenüber der Thomaskirche befindet, dort untergebracht.

Nach der Wiedervereinigung gründete sich ein Freundeskreis, um die Anlage zu erhalten, denn inzwischen musste die markante Turmkuppel wegen Einsturzgefahr abgenommen werden. So stand zunächst eine lange Grundsanierung an. Inzwischen betreibt der Freundeskreis das repräsentative Anwesen seit gut zehn Jahren und sorgt dafür, dass es für Veranstaltungen zur Verfügung steht. In den reich mit Malereien verzierten Räumlichkeiten finden regelmäßig Konzerte, Theateraufführungen, Ausstellungen und Lesungen statt. Zudem können Feinschmecker im integrierten Restaurant voll auf ihre Kosten kommen oder im Café in der Orangerie gediegen Kuchenspezialitäten genießen. »Wir kommen immer wieder gerne hierher. Das Schlösschen ist unser ganz persönlicher Sehnsuchtsort in Leipzig«, erzählt eine Besucherin.

Die ehemalige Orangerie – heute Ort für Ausstellungen. © Linda Ehrlich
Die ehemalige Orangerie – heute Ort für Ausstellungen. © Linda Ehrlich

Schon in der DDR war das Gohliser Schlösschen immer zur Buchmesse ein wichtiger Anlaufpunkt für Kulturinteressierte, denn hier lasen hochkarätige Autoren aus Ost und West wie Christa Wolf oder Martin Walser. Legendäre Geschichten ranken sich um die überfüllten Veranstaltungen: »Als Reiner Kunze Anfang der 1970er Jahre sein neues Buch vorstellte, mussten sich die Mitarbeiter des Reclam-Verlags mit aller Kraft gegen die Türen stemmen, weil eine riesige Menschenmasse den Autor unbedingt sehen wollte. Sogar durch die Toilettenfenster versuchten die Leute reinzukommen«, berichtet Buchwissenschaftlerin Patricia Blume, die zur Geschichte der Leipziger Buchmesse forscht.

Andrang wird auch in diesem Jahr während des Lesefests »Leipzig liest« im Schlösschen herrschen, denn es ist und bleibt einer der wichtigsten und schönsten Veranstaltungsorte der Stadt. Dabei hat sich das Gohliser Schlösschen auf die Liebhaber der Poesie spezialisiert. Inzwischen ist die Reihe »Lyrik im Schlösschen« fest im Lesungsprogramm etabliert. Am 23. März liest dort beispielsweise der Schweizer Dichter und Performer Gerhard Meister aus seinem ersten Lyrik-Band »Eine Lichtsekunde über meinem Kopf«. Auch der deutsch-persische Lyrikabend am 24. März klingt vielversprechend. Die Lesungen finden damals wie heute im Festsaal im Obergeschoss statt. Und falls die Augen beim Zuhören über die prächtigen Ausmalungen im Saal wandern: Sie gehen auf Adam Friedrich Oeser zurück, den ersten Direktor des Vorläufers der Hochschule für Grafik und Buchkunst.


Die Adresse:
Gohliser Schlösschen
Menckestraße 23
04155 Leipzig
http://www.gohliser-schloss.de/

Praktisches:
Eingang zum Festsaal auf der Rückseite des Gebäudes in der Menckestraße.


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Linda Ehrlich

 


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