Leseorte: Die Leipziger Baumwollspinnerei

Wie sorgt man dafür, dass eine Ansammlung alter Fabrikgebäude zum vielleicht gehyptesten Ort einer Stadt wird? Der mystische Bonus einer langen Historie ist schon mal vorhanden. Diese Atmosphäre vergangener Zeiten erhält man, so gut es geht, aufrecht und würzt sie mit etwas Modernem. Etwas, das Menschen unweigerlich in ihren Bann zieht. Zum Beispiel zeitgenössische Kunst. Et voilà: Die Erfolgsgeschichte der Leipziger Baumwollspinnerei.

Aber ganz so einfach war es natürlich nicht. Und könnte ein Fabrikarbeiter vom Anfang des 20. Jahrhunderts die Baumwollspinnerei heute sehen, würde er wahrscheinlich aus allen Wolken fallen. Alles begann im Jahr 1884. Die Leipziger Baumwollspinnerei Aktiengesellschaft erwarb das circa 10 Hektar große Gelände in Leipzig-Lindenau. Die Industriellen sahen dort ihre Chance, eine der ersten deutschen Produktionsstätten zu bauen. Letztendlich erschufen sie etwas, das Anfang des 20. Jahrhunderts zur größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas werden sollte.

Bis heute liegt darin der besondere Reiz der Spinnerei: in ihrer ungeheuren Größe. Sie war nicht nur eine Fabrik, sondern eine Stadt in der Stadt. 20 von den einstmals 24 Gebäuden sind heute noch erhalten. Im Krieg wurde das Gelände verschont, da die Bomberpiloten die riesigen, begrünten Dächer für Wiesen hielten. Arbeiterwohnungen, eine Gartensiedlung, ein eigener Kindergarten, Arztpraxen, ein Park mit Turnhalle, eine Badeanstalt und vieles mehr machten die Baumwoll-Festung aus roten Ziegeln zu einer eigenen Welt. Das eigene Bahngleis kann man heute noch auf dem Gelände sehen. Und es war nötig, denn die Produktion stand kaum einmal still. Mehrere Tausend Arbeiter und 240.000 Spindeln rotierten im Drei-Schichtbetrieb.

Ab 1992 wandelte sich das Bild. Aus den schwindelerregend hohen Räumen wären sicher auch schöne, glattdesignte Loftwohnungen geworden, doch die Lindenauer Umgebung schien nicht so recht dazu zu passen. Stattdessen richteten sich schließlich Künstler in der Fabrikstadt ein und verhalfen ihr pinselschwingend zu einem zweiten Leben. Efeubewachsene, rote Ziegel sind allgegenwärtig, die Galerien und Kunsthallen riesig. In der imposanten Dampfmaschinenhalle hat sich die Galerie EIGEN+ART eingerichtet. Dort stellt sie unter anderem die Bilder von Neo Rauch aus, der in der internationalen Presse stets von ehrfürchtigem Gewisper umwabert zu sein scheint. Überhaupt liegt ein Hauch von bodenständiger Bohème über der Baumwollspinnerei. Wer sich in den kalten Treppenhäusern verläuft, findet hinter der nächsten Tür eine belebte Bildhauerwerkstatt oder völlig leere, endlos anmutende Gänge. Stille und Betriebsamkeit in engster Nachbarschaft.

Und was passiert hier zur Buchmesse? Am 15. März um 19.30 Uhr liest Eva Rossmann aus ihrem Roman »Patrioten« (Halle 3, Weinhandel EN GROß & EN DETAIL). Am 16. März um 19 Uhr liest Ruth Cerha aus ihrem neuen Roman »Traumraketen« (Halle 10, Porzellanatelier Claudia Biehne) und wer mag, kann gleich zu einer kulturellen Hommage an Karl Marx weitereilen. Die findet um 20 Uhr in Halle 18 statt.

Die Adresse:
Leipziger Baumwollspinnerei
Spinnereistraße 7
04179 Leipzig
www.spinnerei.de


 

 

Die Rezensentin: Alexandra Huth

 


 

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