Leseort andernorts: Das Erich Kästner Museum in der Dresdner Neustadt

Wem der Trubel auf der Leipziger Buchmesse zu viel war und wem dennoch literarische Frischluft fehlt, wessen Blick seit Wochen ein Flur ist, zwischen zwei Wänden die Alltagsroutine heißen, dem sei folgender Vorschlag gemacht:

Setzen Sie sich am Leipziger Hauptbahnhof in einen Zug oder Bus, der Richtung Dresden fährt, steigen Sie nach eineinhalb Stunden an der Haltestelle Dresden Neustadt aus, spazieren Sie auf der Antonstraße gen Osten, halten Sie nach fünf Minuten vor dem Haus ein, das sich Villa Augustin nennt. Hier kam Anton zu Pünktchen, ein Schuljunge Erich zu seiner klitzekleinen Cousine Dora, das heißt; die Inspiration für ein Kinderbuch zu einem erwachsenen Schriftsteller, der vielleicht irgendwie immer Kind blieb. Aber so genau weiß man das nie, denn: »Keiner blickt dir hinter das Gesicht«. So betitelte der Schriftsteller Erich Kästner später gleich zwei Gedichte, eines für Beherzte, das andere ist an Kleinmütige gerichtet. In dem Haus in Dresden, das Villa Augustin heißt, weil dort Kästners wohlhabender Onkel Franz Augustin mit seiner Familie residierte, befindet sich heute das Erich Kästner Museum. Er selbst wohnte als kleiner Junge gleich ums Eck, war also ein Kind der Neustadt und ist auch dort geboren. Studiert hat er später in Leipzig. Das Literaturmuseum, über dem sich im zweiten Stock der Villa ein Buchshop und ein Literaturcafé befinden, ist außerdem ein mobiles, interaktives micromuseum®. Es ist so klein, dass es in einem einzigen Raum Platz findet.

Exponate werden entdeckt © Erich Kästner Museum

Wo andere Museen ihre Inhalte über weitschweifende Räumlichkeiten ausbreiten, gibt es hier Schubläden. Die befinden sich in dreizehn Säulen, welche lose um den multimedialen Kern des Museums angeordnet sind. Besucher*innen können dann die verschiedenen Schubkästen öffnen, darin stöbern, und es sich mit den ausgewählten Büchern und Texten, im Wintergarten bequem machen. Es gibt keine vorgegebene Route durch das Museum, dabei aber so viel zu entdecken und lesen, dass Besucher*innen angeregt werden, in diesem literarischen Pool ihr ganz eigenes Bild von Kästner zu finden, angeregt vom persönlichen und spezifischen Interesse. Kästner war nicht nur Autor von Kinderbüchern wie »Pünktchen und Anton« (1931) oder »Das doppelte Lottchen« (1949), er schrieb auch für Erwachsene; zum Beispiel den Großstadtroman »Fabian« (1931) oder die Komödie »Die Schule der Diktatoren« (1956). Dabei war er Gesellschaftskritiker und Pazifist, Moralist, Theaterkritiker, ein Deutscher in Dresden und Sachsen, und vor allem einer, der einige große Umbrüche miterlebt hat: das Deutsche Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Zeit des Nationalsozialismus, beide Weltkriege und den Kalten Krieg. Ein Besuch in diesem Literaturmuseum bringt also bestimmt Frischluft in Ihre Kinderkiste, und damit meine ich die Schublade in Ihrem Gehirn, die Erinnerungen an Bücher aus Ihrer Kindheit aufbewahrt.

Beitragsbild: Das mobile interaktive micromuseum® © Ruairí O’Brien


Adresse: Erich Kästner Museum, Antonstraße 1, 01097 Dresden, http://www.erich-kaestner-museum.de


Die Rezensentin:

 

Hanna Forgber

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