Leipzigs kleine Horrorshow

Kai Meyer liest mit multimedialer Unterstützung von Jurek Malottke im historischen Ballsaal der LUDWIG Buchhandlung im Hauptbahnhof aus »Das Fleisch der Vielen«

Cover © Götze

»Wenn es ein Geisterhaus in Deutschland gibt, dann ist es das Astoria.« Wir befinden uns im historischen Ballsaal der LUDWIG Buchhandlung. Mit etwas Verspätung erzählt Kai Meyer, einer der bekanntesten und erfolgreichsten Phantastik-Autoren Deutschlands, die Entstehungsgeschichte seiner Kurzgeschichte »Das Fleisch der Vielen«, die er anschließend vorliest. Neben ihm sitzt Jurek Malottke, der im letzten Jahr die Kurzgeschichte als Graphic Novel schaurig schön gestaltete. Doch noch jemand hatte mit der Entstehung dieser Geschichte zu schaffen – das Publikum schmunzelte kurz, als Meyer darauf zurückkommt– denn in bestimmten Fachkreisen ist bekannt: Hier ist Musik im Spiel.

Kai Meyer und Jurek Malottke © Götze

Die Geschichte entstand vor einigen Jahren aus einer langen Freundschaft heraus, in Zusammenarbeit mit der Gothic-Größe ASP – Meyer lieferte die Geschichte und ASP komponierte dazu ein Doppel-Album. Vertont wurde nicht die Geschichte selbst, aber im CD-Booklet abgedruckt. Und da Verschwendung einer guten Geschichte nicht zum guten Gothic-Ton gehört, wurde Meyer kreativ und es entstand diese Adaption im Zusammenspiel mit Jurek Malottke.

Jurek Malottke © Splitter Verlag

Dank einer leicht gekürzten Fassung schaffte es Meyer, seine Geschichte den gespannten Hörern bis zum Ende vorzutragen. Spoileralarm: Es geht nicht gut für die Protagonisten aus. Anstatt »voll auf die zwölf« zu schlagen, schafft es Meyer, durch vielschichtige vage Andeutungen, einen Gänsehauteffekt zu erzeugen, zu schockieren und den Atem stocken zu lassen. Die Leser*in wird mit mehr Fragen als Antworten entlassen. Vieles erklärt sich selbst oder im Gespräch, aber so manch versteckte Zeichen lassen viel Interpretationsspielraum. Durch den Düsseldorfer Illustrator Malottke erwachen die Figuren nicht nur in unserer Phantasie zum Leben, sie bleiben schemenhaft – greifbar und düster.

Kai Meyer und Jurek Malottke © Götze

Der historische Hintergrund ist nicht zufällig gewählt: Das Hotel Astoria, unmittelbar westlich vom Hauptbahnhof, wurde nur einen Tag nach dem Hauptbahnhof 1915 eröffnet und 1996 geschlossen. Tausende Besucher, Millionen Geschichten und was bleibt?

Signierstunde © Götze

Eine Ruine, ein Spukhaus und viele Erinnerungen. Kai Meyer liefert uns eine packende Geistergeschichte, gespickt mit Symbolen und klassischen Horrorelementen, haarig und eindrucksvoll von Jurek Malottke in Szene gesetzt.

Bye the way – das Grand Hotel wird derzeit restauriert und soll 2020 wiedereröffnet werden. Da fragt man sich, wie viele Geister dabei noch aufgeschreckt werden…

Beitragsbild: Kai Meyer (li.) und Jurek Malottke (re.) bei der Signierstunde auf der Buchmesse © Sarah Götze


Die Veranstaltung: Kai Meyer liest aus: Das Fleisch der Vielen, (multimedial unterstützt von oder zusammen mit dem Zeichner) Jurek Malottke, LUDWIG Bahnhofsbuchhandlung Leipzig, 22.3.2019, 17:00-18:00Uhr


Das Buch: Kai Meyer und Jurek Malottke: Das Fleisch der Vielen. Bielefeld 2018, 96 Seiten, 19,80 Euro


Die Rezensentin: Sarah Götze

 

 

 

 

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