Kurt fällt vom Klettergerüst

Sarah Kuttner spricht mit Leichtigkeit über ihren hochemotionalen Roman.

Der historische Saal der Bahnhofsbuchhandlung Ludwig ist voll an diesem Freitagabend, die Plätze sind restlos ausverkauft, und einige enttäuschte Besucher werden an der geschlossenen Abendkasse abgewiesen. Sarah Kuttner wird aus ihrem neuen Roman »Kurt« lesen, der ein Familiendrama behandelt – in einer Familie, die eigentlich noch gar nicht genug Zeit hatte, um als solche zusammenzuwachsen.

© S. Fischer Verlage

Die Protagonistin Lena hat gerade ein Haus gekauft und zieht mit ihren zwei Kurts ein: ihrem Freund Kurt und seinem gleichnamigen kleinen Sohn. Irgendwie gehört auch noch Jana, die Mutter des kleinen und Exfreundin des großen Kurts, zur Familie. Zwischen noch nicht ausgepackten Umzugskartons, Kinderbademänteln und Alltagsstress plagt Lena immer wieder die Frage, was genau nun ihre Rolle in diesem neuen Familienkonstrukt sei. Kuttner beschreibt in ihrem Roman Fragen, Gefühle und Unsicherheiten, die wohl viele neue Lebenspartner von Elternteilen beschäftigen: Was darf ich eigentlich sagen oder entscheiden? Was sind meine Pflichten? Bin ich jetzt die Stiefmutter?

Sarah Kuttner liest zunächst einige humorvolle Passagen aus dem Familienalltag, über ausgefallene Milchzähne und unfreundliche Spediteure, spricht dann den Satz: »Dann fällt Kurt vom Klettergerüst.« Eine Zuschauerin lacht, wahrscheinlich aus Versehen, danach herrscht betretene Stille in dem jetzt sehr feierlich wirkenden Ballsaal der Buchhandlung. Denn der kleine Kurt stirbt bei dem Sturz und stellt damit den ohnehin angespannten Zusammenhalt der hinterbliebenen Erwachsenen auf eine Zerreißprobe. Trotz dieses furchtbaren Ereignisses schafft es die Autorin nicht nur mit ihrem frischen, »Gerade-Heraus-Schreibstil«, sondern auch mit ihrer unbeschwerten Persönlichkeit die gute Stimmung im Saal zu halten und die Zuhörer zu begeistern. Auch sie selbst ist angetan von »dem besten Publikum bisher, aber ich muss zugeben, dass ich das manchmal auch in anderen Städten sage.«

Nach der Lesung kommt der Moderator »Claude, Claudius, Cornelius … na so ein Mann halt« zum Gespräch zu Sarah Kuttner auf die Bühne. Ein großer, bärtiger Mann, den das Buch sichtlich mitgenommen hat, denn auch er sei Vater von kleinen Kindern. Auf die Frage, wie sie selbst dieses schwierige Thema verarbeitet habe, erklärt Sarah Kuttner dass sie aus eigener Erfahrung wisse, wie wichtig Alltag, Routine und auch Humor im Umgang mit dem Tod seien. Für sie habe es keine andere Möglichkeit gegeben, als Kurts Tod »wie einen kleinen, verletzten Vogel auf die Hand zu nehmen und ganz vorsichtig am Leser vorbeizutragen.«

Am Schluss des emotionalen Abends wird signiert, aber: »Keine Selfies, wir sind ja nicht mehr zwölf.« Und: »Ich geh noch ganz schnell Eine rauchen, also wirklich ganz, ganz schnell, das dauert dreißig Sekunden.«

Beitragsbild: Die Autorin Sarah Kuttner (links) im Gespräch mit Moderator Claudius Nießen (rechts). © Natalie Warremann


Die Veranstaltung: Sarah Kuttner liest aus Kurt, Moderation: Claudius Nießen, LUDWIG Bahnhofsbuchhandlung, 21.3.2019, 20.00 Uhr

Das Buch: Sarah Kuttner: Kurt. S. Fischer Verlage, 2019, 240 Seiten, 20,00 Euro, E-Book 16,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Natalie Warremann

 

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