Krimi! Oder doch nicht?

Matthias Wittekindt liest aus seinem neuen Kriminalroman »Die Tankstelle von Courcelles«.

© Edition Nautilus

Am Leseort sitzen ein paar wenige Zuhörer und Matthias Wittekindt betritt zusammen mit Moderatorin Katharina Bünger die Lesebühne. Der ehemalige Architekt und Theaterregisseur hat mit »Die Tankstelle von Courcelles« ein Nischen-Buch geschaffen. Der Roman beschreibt das Heranwachsen des Mädchens Lou in den siebziger und achtziger Jahren in einem französischen Dorf namens Courcelles, am Rande der Vogesen. Lou wird ungewollt Zeugin eines Überfalls auf die dortige Tankstelle. Obwohl das Buch eigentlich als ein Kriminalroman betitelt wird, steht das Verbrechen nicht im Mittelpunkt der Handlung. Vielmehr geht es um eine Clique von Jugendlichen, die in einem ländlichen Umfeld aufwächst, mit all den üblichen Problemen. Es geht um Recht und Unrecht und unter welchen Bedingungen ein Mensch frei in seinen Entscheidungen ist. Lou fungiert dabei als Prototyp eines draufgängerischen Teenagers, eine ältere »Ronja Räubertochter«, wenn man so will.

Matthias Wittekindt liest zunächst den Anfang des Buches und beschreibt mit sandiger und markanter Stimme ein Fahrradrennen zwischen Lou und ihrem Freund Fabien, der das absolute Gegenteil von Lou zu sein scheint: ängstlich, dick und unsicher. Es klingt fast, als würde man einem Hörbuch lauschen, so perfekt und markant trägt Wittekindt seinen Text vor. Besonders die cineastischen Beschreibungen der Berge und Täler bekommen, so vorgetragen, eine ganz andere Wirkung. Es scheint, als wäre hinter jeder Beschreibung der Landschaft, hinter jeder Szene, eine zweite, tiefere Bedeutung zu finden.

Matthias Wittekind © Wenke Seemann

Sein etwas großväterlich wirkendes Aussehen spiegelt sich in der Art des Vorlesens wider und es ist verwunderlich, dass nicht mehr Leute sich eingeladen fühlen, um die zahlreichen leeren Plätze zu besetzen. Im Text an sich stellen sich fast nebensächlich viele Sinnfragen und der Autor gibt auf Nachfrage der Moderatorin zu, dass der Dramatiker in ihm wohl einiges zu diesem Roman beigetragen hätte. Was ihn beim Schreiben sehr interessiert habe, sei, wie bestimmte Konstellationen von Personen sich verhalten würden. Wie ein Mensch dazu gebracht werden könne, etwas Schreckliches und Gewalttätiges zu tun, wobei die Tat an sich Nebensache sei.

Welche Katalysatoren braucht es, um ein Verbrechen zu begehen? Wer ist schuld und wo liegt die Grenze zwischen Recht und Unrecht? Den Antworten zu diesen Fragen nähert sich Wittekind in seinem Roman: gelangweilte Jugendliche, ein Lehrer, der die Dinge ins Rollen bringt, Eifersucht und Liebe, ein Dorf, in dem nichts wirklich Gutes oder Aufregendes passiert und eine Portion adoleszente Unsicherheit. Wittekindt konstruiert ein Narrativ der besonderen Art, das bestimmt nicht jedem eingefleischten Krimi-Fan gefällt, dennoch besitzt der Text seine eigene subtile Art von Spannung. Durch die Ungewissheit, die er beim Leser erzeugt, regt er zum Nachdenken an. Ein psychologisch und philosophisch, sowie literarisch hochspannendes und anspruchsvolles Buch, das so viel mehr erzählt, als nur die Geschichte eines scheinbaren Überfalls auf eine Tankstelle.

Beitragsbild:  Katharina Bünger (links) und Matthias Wittekindt (rechts). © Sophia Wurm


Die Veranstaltung: Matthias Wittekindt liest aus Die Tankstelle von Courcelles, Moderation: Katharina Bünger, Forum: Die Unabhängigen auf der Leipziger Buchmesse, 18.3.2018, 13.30 Uhr

Das Buch: Matthias Wittekindt: Die Tankstelle von Courcelles. Edition Nautius, Hamburg 2018, 256 Seiten, 16,90 Euro, E-Book 13,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Anna Sophia Wurm

 


 

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