Konfus trifft es gut

Heike-Melba Fendel liest im Zuge der Leipziger Buchmesse.

Heike-Melba Fendel. © Jennifer Fey
Heike-Melba Fendel. © Jennifer Fey

Heike-Melba Fendel beginnt ihre Lesung chronologisch mit dem ersten Kapitel des Romans »Zehn Tage im Februar«. Sofort fliegen sie los, die bewährten Stilmittel zur Kritik am Bürgertum. Eine Salve an Markennamen im Zuge des Beschreibens der heimischen vier Wände abzufeuern, wirkte schon bei Bret Easton Ellis meisterhaft karikierend, warum sollte man also 26 Jahre später damit aufhören? Fendel zitiert Regisseur Christian Petzold: »Eigenheime sind Gefängnisse für Frauen«. Diesem Sentiment entsprechend ist ihr Buch konzipiert. Und es bleibt ähnlich plakativ.

Natürlich ist ihre Protagonistin eine Lebenskünstlerin der alten Schule: schusselig, unstrukturiert und der Weisheit der feinen Künste – dem Kino – verfallen. Natürlich sind die Männer ihr zugetan und natürlich hat sie stets eine vernünftigere, bodenständigere Freundin zur Hand, die so nie den Spot in der Boheme-Sonne für sich beanspruchen könnte.

© Aufbau Verlag
© Aufbau Verlag

Es finden sich viele alterprobte Archetypen der seichten Unterhaltungsliteratur der Jahrtausendwende. Oft sind Schilderungen oberflächlich-visuell. Aber Fendels Herz schlägt fürs Kino und der Herzschlag findet sich entsprechend in ihrem Ausdruck. Geht es dann um besagte Leidenschaft, brilliert die Autorin mit bemerkenswerter Spitzfindigkeit und gleichermaßen kurzweiligem wie informativem Hintergrundwissen.

Die Höhen des Abends zeigen sich, wie die Höhen des Buches, dort wo die Grenze zwischen Autorin und Protagonistin verschwimmt. So spricht Fendel von einem Abstecher ins kulturelle Brachland der amerikanischen Südstaaten, bei dem Programmkinos ihr rettende Leuchttürme und sozialer Hafen waren. Das Filmwissen offensichtlich mehr als Prestigesucht. Sie illustriert ihren Alltag auf Filmfestspielen, charmant und prosaisch. Es wird authentischer und selbst der flatulierende Herr im besten Seniorenteller-Alter, der augenscheinlich von seiner Liebsten zum heutigen Abend in das »Kleider für Weiber« gezerrt wurde, lässt sich zu einem Schmunzeln hinreißen.

Hätte man die gelesenen Auszüge zugunsten Fendels persönlicher Anekdoten verkürzt, wäre das Publikum zum Ende des Abends vermutlich weniger erleichtert aufgesprungen. Aber die Veranstaltung hieß nun einmal Lesung. Allerdings wirkt Heike-Melba Fendel nicht so, als lasse sie sich gern Konventionstreue nachsagen.

Beitragsbild: Heike-Melba Fendel. © Jennifer Fey


Die Veranstaltung: Heike Melba-Fendel liest aus Zehn Tage im Februar, Kleider für Weiber, 23.3.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Heike-Melba Fendel: Zehn Tage im Februar. Aufbau, Berlin 2017, 208 Seiten, 18,00 Euro, E-Book 13,99 Euro


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Die Rezensentin: Laura Gerlach

 


 

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