„Komm, spielen wir Rom!“

Lizzie Doron erzählt in ihrem Roman „Who the Fuck is Kafka“ von einem Traum, der verbindet und gleichzeitig voneinander entfernt

Von Anna Löwe

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Eine eindrucksvolle Erzählung über eine Freundschaft, die auf einer Feindschaft beruht.

Nähe – durch klaffende Lücken herbeigeführt. Vertrautheit – verursacht durch grausame Ignoranz. Der Versuch, dort zu verstehen, wo es kein Verständnis geben kann. Das sind die Widersprüche, mit denen sich die in der Deutschen Nationalbibliothek erschienenen Besucher auseinander setzen werden.

Sie hören die Geschichte der gefährlichen und ungewöhnlichen Freundschaft zwischen der israelischen Schriftstellerin Lizzie Doron und dem palästinensischen Journalisten Nadim.

Leipzig Lauscht hatte bereits die großartige Möglichkeit, ein Interview mit der Autorin führen zu dürfen. [Zum Interview] Nun soll der Blick gerichtet werden auf ihre Lesung, bei der sie begleitet wird von der diesjährigen Übersetzerpreisträgerin der Buchmesse: Mirjam Pressler.

Der Ton zwischen den Frauen ist angenehm locker und humorvoll. Zu Beginn sortieren sie erst einmal die Bühne neu, wollen sich nicht hinter den Tischen verstecken. Nein, niemand würde auf die Idee kommen, die beiden mit einem Versteckspiel gleichzusetzen. Sie bestehen aus geballter Ladung Ehrlichkeit. Also stellt sich Mirjam Pressler an das Rednerpult und Lizzie Doron lehnt am Flügel.

Lizzie Doron Mirjam Pressler BildHebräische Worte erfüllen den Raum, als die Israelin einen Absatz aus dem Roman vorliest, der in monologischer Form ihre Erlebnisse dokumentiert.

Dann übernimmt Mirjam Pressler. Ihr obliegt das Rezitieren der deutschen Texte sowie die Übersetzung der Gespräche aus dem Englischen. Lizzie Doron verstehe sehr gut Deutsch, spreche es aber nicht. Eine innere Blockade, zusammenhängend mit ihrem Hintergrund als Tochter einer Holocaust-Überlebenden, wird mit offenem Lächeln erklärt.

Die bewundernswerte Ehrlichkeit zieht sich auch durch das gesamte Buch:

„Araber tragen keine Brille, schoss es mir durch den Kopf, und sofort schob ich diesen rassistischen Gedanken beiseite.“

Im gesamten Raum breitet sich, je mehr Geschichten ihn füllen, eine warme Vertrautheit aus. Das ist nicht zuletzt der herzlichen Ausstrahlung, die die beiden Frauen verströmen, zu verschulden.

Dem Publikum wird eindrücklich die erste Begegnung Lizzie Dorons mit Nadim, der von der Autorin zu seinem Schutz dieses Pseudonym erhalten hat, beschrieben.

Die Freundschaft hat ihren Anfang auf einem Friedenskongress in Rom. Die Stadt wird für beide ein Ort der Träume. Ein Ort der Hoffnung. Ein Ort, an dem das Unmögliche möglich ist: Eine Freundschaft zwischen einer Israelin und einem Palästinenser. Nicht umsonst bittet Nadim in Tel Aviv: „Komm, spielen wir Rom!“.

Lizzie Doron vollbringt es, die Kompliziertheit der Beziehung, die sie viel Kraft gekostet hat, zu formulieren. Beide haben sie zu kämpfen: gegeneinander, gegen sich selbst, aber vor allem gegen das Unverständnis aus den eigenen Reihen.

„Mir wurde klar, dass niemand mehr zu sagen wusste, was richtig war und was falsch.“

Das Publikum ist gefesselt, gerührt, beeindruckt von der Geschichte, die niemand begreifen kann. Lizzie Doron teilt an diesem Abend eine Menge mit den Zuhörern: ihre Erlebnisse und Empfindungen, ihre Sorgen, ihre unbändige Lust am Leben und Lachen, ihre Hoffnungen, ihre Angst, ihre komplizierte Freundschaft zu Nadim. Vor allem aber teilt sie einen Traum. Es ist der Traum vom Frieden. Der Traum, der Lizzie Dorons Augen diesen unvergleichlichen Glanz von Lebendigkeit und Zuversicht verleiht. Es lässt sich kaum in Worte fassen, was an diesem Abend in dem kleinen Raum passiert ist. Der Applaus könnte ewig dauern. Er gebührt nicht nur den Veranstaltern und den beiden beeindruckenden Frauen auf der Bühne. Er richtet sich ebenso an jeden anderen Menschen, der nie vergisst zu träumen, nicht damit aufhört, „Rom“ zu „spielen“.


Zum Buch: Lizzie Doron; Who the Fuck is Kafka; Deutscher Taschenbuch Verlag; 14,90 €

Zur Veranstaltung: Who the Fuck is Kafka. Hass ist ein Gefühl, aber Frieden ist eine Entscheidung; Lizzie Doron und Mirjam Pressler; Deutsche Nationalbibliothek; 13. März 2015; 19 Uhr

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