»Könnte es sein, dass Sie wenig Ahnung vom Islam haben?«

Eine Lesung zum bizarren Islambild der rechten Strömungen.

Ein gewählter Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft steht am Pult. Das Thema, über das er reden soll, ist Salafismus. Das Thema, über das er fast sechs Minuten lang spricht, ist der Islam an sich. Und das geht er nicht sonderlich zimperlich an: »Wir mögen den Mohammedanismus nicht, wir vertrauen ihm nicht, wir respektieren ihn nicht. Die Gefühle der Mohammedaner sind uns bestenfalls egal«. Es ist der 24. April 2016, der Abgeordnete heißt Ludwig Flocken und ist Mitglied der AfD.

Mit diesem Fallbeispiel steigt Christian Röther in seine Lesung ein. Der Journalist und promovierte Religionswissenschaftler berichtet in seinem Buch »Wenn die Wahrheit Kopf steht« von dutzenden ähnlicher Begebenheiten. Etwa von der Pegida: Diese trat zwar als Bewegung gegen eine vermeintliche Islamisierung des Abendlandes an, positionierte sich aber recht bald gegen den Gesamtislam. Der AfD-Mann Tillschneider, MdL, dankte es der Bewegung 2016 so: »Pegida hat den Boden für die neue Islampolitik der AfD bereitet.« Eine fragwürdige Islampolitik ist es allemal, die die junge Partei an den Tag legt. Anfangs schlug sie noch eine wirtschaftsliberale Richtung ein, vor allem mit Kritik am Euro und der EU. Doch schnell fanden im Sammelbecken der AfD viele Kader einen Platz, die eher dem nationalen Lager zuzuordnen waren und den Islam als neues Feindbild entdeckten.

© Gütersloher Verlagshaus
© Gütersloher Verlagshaus

Die zwei Gesichter der AfD, so Röther, waren an dem internen Streit gut zu beobachten, der sich 2015 entlud. Die wirtschaftliche Krise der letzten Jahre hatte sich entspannt, und die sogenannte »Flüchtlingskrise« avancierte in weiten Kreisen der AfD zum neuen Thema. Zuletzt gelang es dem gemäßigten Lager um Wirtschaftsprofessor und Mitparteigründer Lucke nicht mehr, die Wogen zu glätten. Ein Delegierter habe Lucke auf einem Landesparteitag 2015 gefragt: »Kann es sein, dass Sie wenig Ahnung vom Islam haben?«, was dieser beantwortete mit »Ich gestehe Ihnen gerne zu, dass mein Fachgebiet Volkswirtschaft ist und nicht der Islam«. Es war der gleiche Parteitag, an dem der Führungsstreit endgültig eskalierte, Lucke abgewählt wurde und eine neue Parteispitze um Frauke Petry und Alexander Gauland entstand. Röther zufolge legte die Partei damit einen deutlichen Rechtsruck hin, ihr Islambild ebenso. Der Wandel hin zu radikaleren Positionen wird darin besonders deutlich. Stünden etwa die christlichen Kirchen weiterhin zur Hilfe für geflüchtete Menschen, sieht die AfD ihre Aufgabe in der Verteidigung christlicher Positionen und der Vormachtstellung der eigenen Religion gegenüber dem fremden Islam. Die Religionsfreiheit solle demnach in erster Line für die eigene Religion gelten.

Auf die Frage, aus welchen Quellen die AfD denn eigentlich ihr Islambild bezieht, hat Röther eine klare Antwort: In Thüringen etwa hat die AfD-Fraktion ein eigenes Büchlein herausgebracht, geschrieben von einem Politikwissenschaftler. Generell lege die AfD den Islam so radikal und extrem wie möglich aus, immer unterlegt mit den passenden extremen Koranversen, die kontextlos ein falsches Bild vermitteln. Dies, so Röther, greife selbstverständlich zu kurz und gebe dem »islamischen Pluralismus« kaum Raum. Natürlich sei aber am Bild der AfD nicht alles falsch, da die islamistische Bedrohung real sei.

Was bleibt, ist der Nachgeschmack, dass die AfD sowie auch andere Strömungen wie Pegida & Co. ihre Anhänger mit einem postfaktischen Islambild berieseln. Das findet seinen Nährboden darin, dass die extremsten Anhänger dieser Religion dann auch genauso agieren wie gewünscht. Ein Teufelskreis.

Beitragsbild: Christian Röther. © Clemens Patzwald


Die Veranstaltung: Christian Röther liest aus Wenn die Wahrheit Kopf steht, Forum Literatur »buch aktuell«, Halle 3, 23.3.2017, 12 Uhr

Das Buch: Christian Röther: Wenn die Wahrheit Kopf steht. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017, 188 Seiten, 17,99 Euro


 

 

Der Rezensent: Clemens Patzwald

 


 

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