»Keine gute Tat bleibt ungesühnt«

Thorsten Nagelschmidt und John Niven stellen im Berliner Pfefferberg Theater Nivens neuen Roman »Alte Freunde« vor.

Wein auf Bier, das lob ich mir. So oder so ähnlich startet der Abend leicht verzögert. Ganz nach britischer Manier leitet Thorsten Nagelschmidt mit einem »Du Arsch, wie machst du das..?« hemmungslos bewundernd die Runde für seinen Freund ein. »Alte Freunde« oder »No Good Deed«, wie es im Original heißt, ist der achte Roman des Bestsellerautors John Niven – der nächste sei bereits in Arbeit.

© Heyne Verlag

Stell dir vor, du gehst wie immer die Straße entlang, doch etwas ist anders, jemand ruft deinen Namen. Du schaust nach unten, denn links und rechts neben dir befindet sich niemand. Ein Obdachloser schaut zu dir hinauf, grinst dich mit seinen vergilbten Zähnen an und plötzlich erinnerst du dich: Mit dieser Person bist du damals zusammen auf die Schule gegangen – ihr seid alte Freunde. Zwei Gedanken fahren dir wie ein Schnellzug durch den Kopf. Zunächst die Schadenfreude: Er ist Obdachloser! Endlich habe ich es zu etwas Besserem geschafft als er! Dann allerdings bekommst du Mitleid, denn so ein Leben auf der Straße ist schließlich kein Zuckerschlecken, gerade jetzt im Winter. Du überlegst, ob du ihm Geld anbieten sollst… Aber ist das korrekt oder würde er sich dadurch gekränkt fühlen?

So startet auch der Roman, in dem Alan zufällig auf seinen alten Kumpel Craig trifft. Niven erwähnt nebenbei, dass sich eine solche Situation auch in Wirklichkeit zugetragen hat. Allerdings mochte er diese Person, auf die er traf, nie wirklich. Andererseits war sie auch gar nicht obdachlos, sondern arbeitete auf dem Bau. Niven hatte wohl versehentlich die Werkzeugtasche mit einem mit Habseligkeiten gefüllten Beutel verwechselt. Mit dieser absurd peinlichen Geschichte erntet er die ersten von vielen positiven Lachern des Abends. Im Roman gehen die beiden Freunde erst mal etwas trinken und später entscheidet Alan dann, dass er Craig bei sich und seiner Familie vorübergehend aufnimmt. Ob dies eine wirklich kluge Idee ist, lässt sich im Fortgang des Romans anzweifeln. Zahlt sich eine vermeintlich gute Tat aus?

John Niven. © Erik Weiss

Niven und Nagelschmidt lesen, teils auf Englisch, teils auf Deutsch, abwechselnd aufeinander aufbauende Szenen, in denen die Protagonisten eingeführt werden. So geben sie dem Teil des Publikums, der den Roman noch nicht gelesen hat, einen groben Überblick über die Storyline, ohne die Abfolge und Zusammenhänge durch unnötige Spoiler zu verraten.

Nach einer kleinen Pause und ein paar Weingläser bzw. Bierflaschen später, fahren die beiden Autorenkollegen mit der Lesung fort. Niven erkundigt sich des Öfteren nach der deutschen Übersetzung für einige bewusst drastisch formulierte und situationskomische Beschreibungen. Der britische Humor ist eben einmalig, die Originalausgabe des Romans ein Genuss. Für alle, die der englischen Sprache nicht mächtig sind, ist die deutsche Übersetzung von Stephan Glietsch ein Kompromiss.

Beitragsbild: John Niven (links) und Thorsten Nagelschmidt (rechts) beim Vorstellen des Romans. © Leoni Schwenker


Die Veranstaltung: Literatur LIVE Buchpremiere – John Niven »Alte Freunde«, Deutscher Text und Moderation: Thorsten Nagelschmidt, Pfefferberg Theater Berlin, 20.11.2017, 20 Uhr

Das Buch: John Niven: Alte Freunde. Aus dem Englischen von Stephan Glietsch. München 2017, 352 Seiten, 20,00 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Leoni Schwenker

 


 

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