Kätzchen im Sack

Eine Lesung ohne Paula Bomer.

© Open House Verlag
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Die Fleischerei ist ein kleines Café im Waldstraßenviertel. Es ist gemütlich hier, die Fliesen und der Kaffeeduft erinnern an Großmutters Küche. Auch wenn die Sitzplätze kurz vor Beginn der Lesung schon lange nicht mehr ausreichen und die Leute sogar im Gang stehen müssen, ist die Stimmung gut. Eine gewisse Aufregung liegt in der Luft, als die rustikale Tafel, die die hausgemachte Apfel-Tarte anpreist, von einem Plakat verdeckt wird. Darauf sind gespreizte Frauenbeine zu sehen. Das Plakat zeigt das Cover von Paula Bomers neuem Buch. Um den frisch auf Deutsch erschienenen Erzählband »Madeleine« der New Yorker Autorin soll es heute Abend gehen. Zumindest bin ich deswegen in das Café gekommen. Dass ich mich in dieser Hinsicht getäuscht habe, konnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen.

Kurz darauf wird neben das Plakat ein zweites gehangen: Sven Hannes »Die Bombe«. Ich bin verwirrt. Bin ich in der falschen Lesung? Habe ich etwas übersehen? Die Erklärung folgt vom Moderator: Paula Bomer sei heute nicht dabei, aber er werde trotzdem etwas aus dem Erzählband vorlesen. Moment – wegen Paula Bomer ist das Publikum doch hergekommen! Statt der Autorin würde nun Sven Hannes aus seinem neuen Sachbuch lesen. Die ganze Veranstaltung fühlt sich so langsam wie eine Mogelpackung an. Dass der Open House Verlag beide Bücher vorstellen möchte, ist ja vom Prinzip her nicht verwerflich. Nur hätte man sich als Besucher im Vorfeld eine kleine Info darüber gewünscht.

Sven Hannes liest aus »Die Bombe«. Das hatte niemand erwartet. © Annalena Beier
Sven Hannes liest aus »Die Bombe«. Das hatte niemand erwartet. © Annalena Beier

Der Veranstalter stellt schließlich kurz die nicht anwesende Autorin vor und beginnt mit der Lesung. Seine Wahl fällt auf die Geschichte »Pussies«, die deutlich entschärft mit »Kätzchen« übersetzt wurde. Bomer, Jahrgang 1968, greift in ihren neuen Erzählungen das Entdecken des eigenen Körpers auf, das Entdecken der Macht über den eigenen Körper und um die Macht, die eine junge Frau damit über andere hat. Es ist ein ästhetisches und erotisches Thema. Allerdings kommt von all dem während der Lesung nichts beim Publikum an. Die Geschichte wird einfach nur herunter erzählt, als ob sie nur die Vorband für den eigentlichen Star des Abends wäre. Irgendwann im ersten Drittel der Erzählung verliere ich die Lust am Zuhören.

Nach einer kurzen Pause geht es weiter, es fühlt sich wie der Hauptteil der Veranstaltung an. Hannes beginnt, über die Geschichte der Atombombe zu referieren. Ein wichtiges Thema, ohne Frage, doch für ein Publikum, das auf Belletristik eingestellt war, doch eher unpassend. Irgendwo bei der Masseträgheit der Spaltladungen steige ich aus so wie auch einige Teile des Publikums, die sich schamlos erheben und gehen. Neidisch schaue ich ihnen hinterher und lasse den Rest der Veranstaltung über mich ergehen. Ich bin enttäuscht von dieser Lesung, von diesen Kätzchen im Sack, von diesen historisch-physischen Zusammenhängen in Gestalt von erotischen Geschichten.

Beitragsbild: Lesung in der Fleischerei. © Annalena Beier


Die Veranstaltung: Paula Bomer: Madeleine, Die Fleischerei, 22.3.2017, 18.30 Uhr

Das Buch:

  • Paula Bomer: Madeleine. Aus dem Amerikanischen von Rainer Höltschl. Open House Verlag, Leipzig 2017, 224 Seiten, 22 Euro
  • Sven Hannes: Die Bombe. Die Geschichte der Atombombentests von den Anfängen bis zur Gegenwart. Open House Verlag, Leipzig 2017, 304 Seiten, 25 Euro

 

 

Die Rezensentin: Annalena Beier

 


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