»Jetzt erstmal was ohne Behinderung«

Die Autorin und Bloggerin Laura Gehlhaar liest im Nikolai-Eck aus ihrem ersten Buch »Kann man da noch was machen? Geschichten aus dem Alltag einer Rollstuhlfahrerin«.

Laura Gehlhaar ist keine Heldin und kein Opfer, sondern einfach Autorin. © Andi Weiland

Laura Gehlhaar ist zum ersten Mal in Leipzig – und hat trotzdem nichts gesehen. Mit zugekniffenen Augen habe sie sich durch den Schneeregen gekämpft, sagt sie. Ihre Haare seien mittlerweile wieder trocken, ihr Buch dagegen noch etwas nass. Mit einem Pulli in knalligem Orange sitzt die Autorin an einem Holztisch im Nikolai-Eck. In dem Laden der Leipziger Diakonie am Thonberg stehen und sitzen rund 50 Menschen, viele davon im Rollstuhl. Für die Gehörlosen im Publikum wird die Veranstaltung in Gebärdensprache übersetzt. Auch Gehlhaar braucht keinen Stuhl, denn sie hat Manfred, ihren Rollstuhl. Mit 14 wurde bei ihr eine Muskelerkrankung diagnostiziert; seit sie 23 ist, sitzt sie im Rollstuhl. Nachdem Gehlhaar schon erfolgreich über den Rolli-Alltag bloggte, erschien 2016 ihr Buch »Kann man da noch was machen?«, aus dem sie auch an diesem Abend liest.

Nach einer uninspirierten Anmoderation von Katrin Kraetzig beginnt die Autorin mit dem ersten Kapitel ihres Buches. Sie betont, dass sie es noch nie in der Öffentlichkeit gelesen habe, und das merkt man leider. Beim Umblättern muss sie den Satz einen Moment lang unterbrechen, während des Lesens verhaspelt sie sich hin und wieder. Der Atmosphäre tut das aber keinen Abbruch. Ruhig erzählt sie davon, wie ihre Krankheit diagnostiziert wurde, ihre Mutter weinte und sich Gehlhaar beim Skateboardfahren nicht mehr aus der Hocke aufrichten konnte. Sie spricht darüber, dass sie Schauspielerin werden wollte und ihre Mutter ihr sagte: »Aber Schauspieler müssen doch auch eine Tanzausbildung machen.« Gehlhaar entgegnete: »Dann lass ich das Tanzen eben weg.« Ein verhaltenes Lachen lässt sich hören. Ab jetzt steigt das Humorlevel – wenig überraschend für alle, die das Buch gelesen haben, denn auch darin geht es erst nach dem ersten Kapitel bergauf.

© Verlag Heyne

Gehlhaar will weder in Selbstmitleid baden noch als Heldin gelten. Sie erzählt einfach Geschichten. Darüber, wie sie dreckige Toiletten im Studentenwohnheim mied und in Plastikbecher pinkelte oder wie sie bekifft einen Hang herunterfuhr und sich dabei überschlug. Die anwesenden Rollstuhlfahrer lachen lauter als der Rest. An dieser Stelle wird die Unsicherheit von Menschen ohne Behinderung deutlich. Darf man wirklich lachen, ohne selbst im Rollstuhl zu sitzen? Natürlich! Genau das ist die Gleichberechtigung, für die sich Laura Gehlhaar stark macht.

Die Autorin braucht »jetzt erstmal was ohne Behinderung«. Selbstironie ist offenbar kein Fremdwort für sie, und das ist sympathisch. Gehlhaar erklärt jetzt Tinder als »Dating-App, wo man Menschen finden kann, mit denen man mal … Eis essen kann.« Und spricht über niederschmetternde Erfahrungen. Als dabei das Wort Sackgesicht fällt, lässt sie es sich in Gebärdensprache erklären. Mit dieser spontanen Nachfrage sorgt Gehlhaar für ein Highlight des Abends. In den nächsten zwei Kapiteln wird klar: Laura Gehlhaar sitzt im Rollstuhl, aber so wirklich anders ist ihr Leben deshalb nicht. Sie isst Döner und kleckert sich Sauce auf das Kleid. Sie ist ein bisschen verliebt in den Schauspieler Lars Eidinger, und sie trägt eine Frisur auch gern mal drei Tage am Stück – ohne Kämmen. Kurzum: Laura Gehlhaar ist normal. Ob es ihre Umwelt auch ist? Fragen wie: »Sind wir nicht alle ein bisschen behindert?« lassen daran zweifeln.

Beitragsbild: Zwischen Postkarten und Duftkerzen liest Laura Gehlhaar im Leipziger Nikolai-Eck. © Lucie Herrmann


Die Veranstaltung: Laura Gehlhaar liest aus »Kann man da noch was machen«, Moderation: Katrin Kraetzig, Nikolai-Eck, 16.3.2018, 18 Uhr

Das Buch: Laura Gehlhaar: Kann man da noch was machen? Heyne, München 2016, 256 Seiten, 9,99 Euro, E-Book 8,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Lucie Herrmann

 


 

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