Jeder wollte jemand anderes sein!

Nach dem Journalismus-Studium in Leipzig und der Arbeit als Chefredakteur der Berliner Zeitung stellt er nun eine Sammlung erschreckend realitätsnaher Weihnachtsgeschichten vor: Alexander Osang liest im Rahmen der nun zu Ende gehenden Erfurter Herbstlese im Haus Dacheröden aus »Winterschwimmer«.

© Aufbau Verlag

Vergnügtes vorweihnachtliches Gelächter drängt sich durch die Reihen des Raumes. Gläserne Kronleuchter an der Decke umhüllen ihn mit einem glitzernden Lichtschwall, und hier und da kann man einen Anfall beschwipster Heiterkeit beobachten. Und auch Alexander Osang, in die Szenerie hineingeschlichen, prostet seinem Publikum zu. Die Tatsache, dass »Winterschwimmer« doch eher besondere Weihnachtsgeschichten beinhaltet, weit weg vom Idyll, verstärkt die humoristische Stimmung jedoch vielmehr, als dass sie ihr einen melancholischen Touch verleiht. Berauschend beginnt die Autorenstimme omnipräsent aus den Lautsprechern zu schallen.

Osangs tragischen Protagonisten scheint das Leben mit Absatzschuhen auf den Fuß getreten zu sein. So erzählen »Schneekönigin«, die Titelgeschichte »Winterschwimmer« oder »Der Sprecher« sowohl von Müllsäcken als Weihnachtskleider unglücklich nackter Tatsachen, Sonnenfinsternissen in der Sauna durch bärig behaarte Männer, Ein-Wort-Gesprächen und Terrorakten zwischen Eheleuten mittleren Alters, als auch von wenig beeindruckenden Geschäftsideen, dem Flüstern geflüchteter Ehefrauen oder Kioskinhabern, welche wie »schwule Koreaner klingen, die zu viel Gras geraucht haben«. Durchweg also von Lebensphilosophie und Missverständnissen. Immer mit einem durch und durch ironischen Unterton. »Jeder wollte jemand anderes sein«, so scheint es. Doch dass es genau diese verzweifelte Anstrengung ist, seinem Leben eine sinnvolle Richtung zu geben, schreibt der Fernsehmoderatorin und Aschenputtel-Figur vom Kohlenhof oder auch dem Pressesprecher aus Berlin-Marzahn eine gewisse Sympathie zu. Unterm Strich muss man also etwas kramen, um in den Leben der Protagonisten, unangenehm und angenehm zugleich, Tiefgründiges zu finden, und sie nicht zuletzt als Versager abzustempeln. Denn dies scheinen anfänglich fast alle Hauptpersonen der Erzählungen zu sein, oder jedenfalls denken sie so von sich selbst.

Alexander Osang. © Anja Reich

Unendlich enthusiastischer Applaus beginnt zu scheppern, nachdem Alexander Osang seine letzten Worte gelesen hat. Die Frage, in welchem Grad Realität und Fantasie in seinen Erzählungen wiederzufinden wären, beantwortet der Autor mit der Frage nach überlegten Konsequenzen, die sich aus Alltag, Handeln und Entscheidungen der Menschen um ihn herum ergeben könnten. So beispielsweise: Was passiert, wenn sich kürzlich umgezogene Freunde in einer Einöde aussperren würden? Osang, der allgemein bekannte »Alleskönner«, verkündet noch als Weihnachtsgeschenk, in Berliner Mundart, dass er bereits an einem neuen Roman arbeitet. Und natürlich soll es auch nächstes Jahr wieder eine Weihnachtsgeschichte geben. Doch so schnell die Lesung begonnen hat, findet sie auch zu einem Ende und hinterlässt ein freudestrahlendes Publikum. »Denn um glücklich zu sein, solle man sich mit dem begnügen, was gut genug für einen ist.« So wünscht »Winterschwimmer«, und jede einzelne Geschichte, seinem Leser insgeheim, und, um es in der schwulen koreanischen Art auszudrücken: »Flohes Fest«!

Beitragsbild: Alexander Osang liest aus seiner weihnachtlichen Erzählsammlung »Winterschwimmer«. © Sarah Herchenhahn


Die Veranstaltung: Alexander Osang liest aus Winterschwimmer, Haus Dacheröden, Erfurt, 15.12.2017, 20 Uhr

Das Buch: Alexander Osang: Winterschwimmer. Aufbau Verlag, Berlin 2017, 239 Seiten, 20 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Sarah Herchenhahn

 


 

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