»It’s just a story, isn’t it?«

Matthias Hummitzsch liest aus Eshkol Nevos neuem Roman »Über uns« und der Autor selbst im Gespräch mit Shelly Kupferberg am Stand der israelischen Botschaft auf der Leipziger Buchmesse

Eshkol Nevo (links) mit der Rezensentin (rechts). © Birgit Ackermann

24 Stunden bevor Eshkol Nevo es sich auf dem Sessel am Stand der israelischen Botschaft bequem macht, hatte er noch am Strand von Tel Aviv gelegen. Der in Jerusalem geborene Autor hat mit seinen früheren Büchern mehrere internationale Preise gewonnen. Sein zweiter Roman »Wir haben noch das ganze Leben« war nicht nur in Israel, sondern auch hier in Deutschland ein Bestseller.

Eigentlich hatte Nevo gar nicht geplant, »Über uns« zu schreiben. Die Charaktere seien einfach zu ihm ins Zimmer gekommen und hätten angefangen zu beichten. Zuerst sei Arnon aus dem ersten Stock aufgetaucht. Arnon ist Vater. Seit Jahren haben seine Nachbarn, ein älteres Ehepaar, deren Kinder schon ausgezogen sind, auf seine Tochter aufgepasst. Doch langsam kommen Arnon Zweifel. Passt der Nachbar wirklich nur auf seine Tochter auf? Er verfängt sich in seinen Vorstellungen, die immer dunkler werden. Nachdem Arnon seine Beichte beendet habe, habe Nevo geglaubt, die Geschichte würde in einer Schublade verstauben. Aber dem war nicht so.

© dtv

Als nächstes sei Chani aus dem zweiten Stock in seinem Zimmer aufgetaucht und habe angefangen zu beichten. Chani lebt zurzeit alleine mit ihren Kindern, ihr Mann ist auf Geschäftsreise, wie so oft. Eines Nachts taucht ihr Schwager auf, zwischen ihnen gab es schon immer diese Spannung … Er bittet sie, 24 Stunden in der Wohnung bleiben zu dürfen. Eigentlich sollte Chani nein sagen, sie ist ganz allein mit den Kindern, doch sie lässt ihn dennoch herein. Erst als auch Chani ihre Beichte beendet habe, sei Nevo klar gewesen, dass er an einem Buch schreibe, und er habe die Struktur gesehen. Er habe sofort gewusst, dass es noch ein drittes Stockwerk geben muss. Im obersten Stock wohnt Dvorah, eine ehemalige Richterin, inzwischen verwitwet. Beim Aufräumen findet sie einen alten Anrufbeantworter mit der Stimme ihres Mannes. Sie beginnt, ihren eigenen Anschluss anzurufen, nur um die Stimme ihres Mannes zu hören und ihm zu erzählen, was seit seinem Tod alles in ihrem Leben passiert ist. Sie sei der schwierigste Charakter gewesen, er kenne keine Richter, sagt Nevo.

»Über uns« ist ein Buch über Geheimnisse. Wem erzählen wir unsere Geheimnisse, und was wollen wir damit erreichen? »Is a confession really the truth? It’s just a story, isn’t it?«, fragt der Autor am Ende des Gesprächs. (Ist eine Beichte wirklich die Wahrheit? ist es nicht nur eine Geschichte?). Eine richtige Antwort bekommt er nicht, aber die wollte er vielleicht auch gar nicht.

Beitragsbild: Shelly Kupferberg (links) im Gespräch mit dem Autor Eshkol Nevo (rechts) © Kim Ackermann


Die Veranstaltung: Lesung/Gespräch mit Eshkol Nevo, Moderation: Shelly Kupferberg, Stand der Botschaft des Staates Israel (Halle 4, Stand D400), 17.3.2016, 14 Uhr

Das Buch: Eshkol Nevo: Über uns. dtv, München 2018, 320 Seiten, 22 Euro, E-Book 19,99 Euro

 


 

 

Die Rezensentin: Kim Ackermann

 


 

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