Interview: Evangelio – Ein Luther-Roman

Sebastian Adam im Gespräch mit Autor Feridun Zaimoglu.

Feridun Zaimoglu kam 1965 nach Deutschland, studierte zeitweise Kunst und Medizin und arbeitet heute als freier Schriftsteller. Bereits 2011 lernte ich ihn als Lektor auf einem Workshop kennen. Schon damals beeindruckten mich seine umgängliche Art und sein umfassendes Gespür für Sprache. Von Liebesgeschichten über Familienromane hat Zaimoglu schon einiges geschrieben – und um was geht es dieses Jahr? In »Evangelio«, dem neusten Werk, begeben wir uns auf die Spuren Martin Luthers.

Feridun Zaimoglu © Melanie Grande
Feridun Zaimoglu © Melanie Grande

Sebastian Adam: Welches deiner Bücher gefällt dir selbst am besten?

Feridun Zaimoglu: Für mich ist es immer das letzte Buch, also »Evangelio«. Da sind die Gefühle noch nicht abgeklungen und die Welt, die ich auf dem Papier fantasiert habe, ist noch nicht versunken und verblasst. Aber es wird schnell peinlich, wenn Schriftsteller von ihren eigenen Büchern schwärmen. Darum überlasse ich die Entscheidung lieber den Lesern. Ich kann aber sagen: Mein missverstandendstes Buch ist »Hinterland«. Ich treffe nur selten auf Leser, die sich gern in dieser Traumlandschaft bewegt haben.

Ich lese gerade »Evangelio« für eine deiner Lesungen auf der Buchmesse. Nach einigen Seiten hatte ich das Gefühl, langsam in diese altertümliche Sprache hineinzufinden und gewisse Redewendungen intuitiv zu verstehen. Jetzt mal Tacheles: Hast du die Bibel komplett gelesen?

Zaimoglu: Ich habe die Bibel tatsächlich sehr oft von vorne bis hinten gelesen. Bis jetzt vielleicht 35 bis 40 Mal. Andere Leute sammeln Lego-Steine, Kiesel oder Bierdeckel, ich beschäftige mich seit 35 Jahren mit dem Christentum und lese theologische Bücher. Insofern war das kein Neueinstieg für mich. Vielleicht sollte ich auch darauf hinweisen, dass ich mich schon früher mit dem Glauben beschäftigt habe. Ich habe das Hörspiel »Paulus« für den Hessischen Rundfunk gemacht, außerdem das Theaterstück »Moses« für das Oberammergauer Passionstheater und die »10 Gebote« für das Kieler Schauspielhaus.

Ich finde es witzig, dass du für »Evangelio« einen Zeitrahmen gewählt hast, in dem du nicht über Handys, Autos und Flugzeuge reden musst.

Zaimoglu: Ja (lacht). Der Honk wird zum Helden. Er hat keine Ahnung, muss nicht Auto fahren, telefonieren oder ins Flugzeug steigen. Aber du Lieber, ich bin so froh, nicht in dieser Zeit gelebt zu haben. Ein Literaturkritiker hat bei der Besprechung von »Evangelio« im Radio gesagt, dass »Game of Thrones« eine Kinderparty dagegen sei. Das Mittelalter war eine harte Welt und die Menschen waren Tod und Teufel ausgesetzt.

Wo und wie lange schreibst du normalerweise?

Zaimoglu: Das kommt ganz auf das Buch an. Prinzipiell gilt aber: Ich bin der Schreiber der harten Recherche. Für »Evangelio« habe ich knapp ein Jahr recherchiert, parallel zu den Lesungen. Das ist wichtig, denn ich muss erst für den Stoff brennen. Dazu gehe ich immer wieder an die Schauplätze, damit der Blick nicht abstumpft. Es dauert bis ich mich auf den Ton, auf die Sprache einstelle. Bis ich die Geschichte skizziert habe – ich nenne das den Szenenablaufplan. Die Zeit der Vorbereitung. Darauf folgt die Zeit der Notizen, die dann anderthalb bis zwei Jahre dauert und in der etwa 60 bis 70 Seiten entstehen. Erst danach fange ich an zu schreiben. Dann setze ich mich jeden Morgen beim dritten Kaffee zwischen 10:00 Uhr und 10:15 Uhr hin, um mein Tagessoll zu erreichen. Bei »Evangelio« waren es dreieinviertel Seiten, beim »Siebentürmeviertel« dreieinhalb bis vier Seiten. Abends setze ich mich dann hin und mache einen Fahrplan für den nächsten Morgen. Wo geht’s hin, was werde ich schreiben.

Du hast vorhin gesagt, dass Projekte bei dir eine längere Inkubationszeit haben. Gibt es ein Projekt, das du schon öfter angefangen hast, aber nie zu Ende bringen konntest?

Zaimoglu: Das Projekt Gedichtband. Ich habe immer mal wieder versucht, Gedichte zu schreiben. Aber seit ich Thomas Kunst und seine hohe Dichtkunst kennengelernt habe, weiß ich: Er kann es, ich nicht. Ich kann wie im »Siebentürmeviertel« im Sinne einer Rollenprosa den Dichter mimen und Langpoeme schreiben, aber mehr geht nicht.

Jetzt, da »Evangelio« vor einigen Wochen erschienen ist und du auf Lesereise bist: Gibt es schon Pläne für das nächste Buch?

Zaimoglu: Fast immer habe ich schon eine Idee für das nächste Buch, aber aus der Welt von »Evangelio« ist es schwer herauszukommen. Bis Jahresende werde ich jetzt um die 90 Lesungen halten. Die eine oder andere Idee habe ich schon, aber da ist noch nichts Spruchreifes dabei.

Welches Buch aus dem letzten Jahr würdest du empfehlen und warum?

Zaimoglu: Thomas Kunst, »Kunst: Kunst. Gedichte 1984–2014«, herausragende Gedichte. Carsten Jensen mit »Der erste Stein«, Afghanistan-Krieg, famos! »Unterwerfung« von Michel Houellebecq. Auch Denis Johnson mit »Ein gerader Rauch«, einfach nur toll. Antonio Ortuño mit »Die Verbrannten« und zuletzt ein Gedichtband von Roberto Bolaño mit dem Titel »Die romantischen Hunde«.

Du hast ja jetzt eine ganz schöne Liste an Büchern vorgestellt. Wenn du eine Romanfigur sein könntest, welche wäre das?

Zaimoglu: Das Problem von Romanfiguren ist – wie auch das Problem vieler lebender Menschen – sie sind eingesperrt in ihrer eigenen Geschichte. Wäre ich eine Romanfigur, dann könnte ich keine andere Romanfigur im nächsten Buch sein. Mein Lieblingsbuch ist aber »Tom Sawyer und Huckleberry Finn«. Darin würde ich gerne eintauchen und den Zaun streichen.

Du hast in der Vergangenheit Medizin und auch Kunst studiert. 2015 hingen erstmals seit langem Bilder von dir wieder in einer Galerie in Kiel. War das nur eine Phase oder möchtest du langfristig nicht nur schreiben, sondern auch malen?

Zaimoglu: Ich weiß noch nicht wann, aber ich werde bald einsteigen in die Malerei. Es kündigt sich etwas Neues an, aber ich muss mit dem Geläufigen, mit dem Brauchbaren brechen, damit ich mich in diese düstere Welt, die mir vorschwebt, schicken kann. Das dauert noch.

Auf unserem Blog haben wir die Kategorie: »Fünf Fragen für: …«. Ich möchte auch dir die Fragen im Schnelldurchlauf stellen.

© Kiepenheuer & Witsch
© Kiepenheuer & Witsch

Zaimoglu: Ich dachte 50 (lacht). Hau raus, mein Lieber.

Welches Buch hast du bis heute nicht zu Ende gelesen?

Zaimoglu: »Ulysses« von James Joyce.

Wo und wann liest du am liebsten?

Zaimoglu: Zuhause auf dem durchgelegenen Sofa, unterwegs im Zug und immer vor dem Schlafengehen. Ich kann nicht schlafen, bevor ich nicht gelesen habe.

Welches Buch aus deiner Kindheit ist dir in Erinnerung geblieben?

Zaimoglu: »Tom Sawyer und Huckleberry Finn«, wie schon erwähnt. Das habe ich bestimmt zwanzig Mal gelesen.

Welches Buch würdest du an gute Freunde verschenken?

Zaimoglu: Ich habe jetzt nicht besonders zart besaitete Kumpels, ich würde einen Teufel tun und denen überhaupt ein Buch schenken. Die hauen mich mit dem Buch sonst grün und blau (lacht). Man halte sich nicht an die eigenen Vorlieben, sondern beschaue die Menschen, die man beschenkt. Sonst kann man viel falsch machen.

Wo und wann kann man dir auf der Buchmesse über den Weg laufen?

Zaimoglu: Ich werde in den dreieinhalb Tagen wie ein Zuchtkamel durch die Gänge huschen. Man wird mich selten am Stand treffen, sondern eher zufällig mal hier, mal da auf der Suche nach Gedichtbänden. Und auf den Veranstaltungen zu »Evangelio« natürlich.

Die Rezension zur Lesung von Feridun Zaimoglus »Evangelio« finden Sie hier.

Beitragsbild: Feridun Zaimoglu. © Melanie Grande


Die Veranstaltung: Feridun Zaimoglu liest aus Evangelio – ein Luther-Roman, Alte Nikolaischule, 24.3.2017, 19 Uhr

Das Buch: Feridun Zaimoglu: Evangelio – Ein Luther-Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017, 352 Seiten, 22 Euro, E-Book 18,99 Euro


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Der Interviewer: Sebastian Adam

 


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