Integration? Die Sprache ist der Schlüssel!

Mit einem Balanceakt aus Humor und Ernsthaftigkeit leistet der Deutsch-Irakische Schriftsteller Abbas Khider am ersten Tag der Leipziger Buchmesse 2019 seinen ganz persönlichen Beitrag zur Integration.

Der Abend in der alten Handelsbörse hat schon vor einigen Stunden begonnen, einige Zuhörer bleiben auf ihren Plätzen sitzen, andere kommen dazu. Für mich beginnt jetzt der erste Abend der Leipziger Buchmesse 2019, mit einem Gespräch zwischen der Moderatorin Ellen Schweda und dem deutsch-irakischem Autor Abbas Khider.
Er ist 1973 in Bagdad geboren worden und musste aus politischen Gründen seine Heimat mit neunzehn Jahren verlassen. Er war siebenundzwanzig Jahre alt, als er nach Deutschland kam und konnte kaum Deutsch, hatte aber dennoch den Wunsch, Deutsche Literatur und Philosophie zu studieren. Inzwischen ist er ein renommierter deutscher Schriftsteller, der überwiegend ernsthafte Bücher schreibt, die viel mit seiner Biographie zu tun haben. Mit seinem neuen Buch »Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch« wagt er einen neuen Ansatz und bringt mit einer Mischung aus Selbstironie und einem satirischen Blick auf die deutsche Gesellschaft nicht nur den Leser zum Lachen, sondern leistet einen ganz besonderen Beitrag zur Integration, indem er auf humorvolle Art für gegenseitiges Verständnis sorgt.
Mit Humor entlarvt er den Irrsinn der deutschen Bürokratie, welche sich seiner Ansicht nach auf einer Stufe mit der deutschen Grammatik befindet. So vergleicht er beispielsweise deutsche Behörden mit den Nebensatzkonstruktionen der deutschen Sprache, da sich in beiden Fällen etliche Hindernisse, wie Orts- und Zeitangaben zwischen das Verb und das Subjekt stellen oder in Khiders Fall zentrale Mittelstufenprüfungen und das Studienkolleg zwischen ihm und dem Literaturstudium standen.
In diesem Zusammenhang präsentiert er auch einige Beispiele seiner ganz persönliche Verbesserung der deutschen Sprache, sein Neudeutsch, wie er es nennt.

»Deutsche Paragraphen und Deutsche Grammatik haben etwas gemeinsam: Sie sind zum Heulen!« © Paola Kirchhof

Die lockere Atmosphäre der Unterhaltung zwischen dem Schriftsteller und Ellen Schweda überträgt sich auf das gesamte Publikum, das herzlich lacht und zustimmend klatscht. Immer wieder unterlaufen ihm kleine Fehler bei der Aussprache oder Versprecher beim Vorlesen, was der Lesung einen sympathischen Charakter verleiht. Er schlüpft an vielen Stellen bewusst in die Rolle des Deutschlernenden zurück, um die Problematik der Sprachbarriere für die Anwesenden auf humorvolle Weise deutlich zu machen. Die klare, deutliche Aussprache der Moderatorin harmoniert sehr gut mit Abbas Khiders Dialekt. Er erzählt von seinem täglichen Kampf mit der Aussprache von Umlauten, bei der »fünfzig Cent« schnell zu unverständlichen »funfsig Cent« werden und er bis heute den Unterschied zwischen »Bürger« und »Burger« einfach nicht wiedergeben kann. Als er eine Stelle aus seinem Buch vorliest übernimmt Ellen Schweda für ihn jede dieser »Schrecklichen Kreaturen unter den Buchstaben« und es entsteht ein Ping-Pong-Spiel der Wörter, das die Lesung sehr lebendig gestaltet.
Khider macht anspruchsvolle Witze und trifft damit genau den Humor der anwesenden Zuhörer. Beispielsweise bezeichnet er Kant, Heidegger und Hegel als die »Dreifaltigkeit des Grauens« deren Satzkonstruktionen und Wortneuschöpfungen ihn während seines Philosophiestudiums immer wieder zum Verzweifeln brachten. Letztlich beendet er trotz aller Hürden sein Studium an der Universität München und beginnt kurz darauf Bücher zu veröffentlichen.
Abbas Khider wird mit seinem neuen Buch und seiner Präsentation während der Lesung ein Vorbild: Sowohl allen Deutschlernenden und Flüchtlingen, als auch allen »Ureinwohnern« Deutschlands beweist er, dass mit genug Willenskraft und Ausdauer auch noch so absurd wirkende Träume wahr werden können. Der für Ihn wichtigste Schlüssel zur Integration ist die Sprache und die humorvolle Herangehensweise an unangenehme Themen. Die Lesung endet mit langanhaltendem Beifall und vielen lächelnden Gesichtern, wenn auch etwas abrupt aufgrund des engen Zeitplans des Hanser Verlags.

Beitragsbild: Ellen Schweda (links) und Abbas Khider (rechts) © Paola Kirchhof

 


Die Veranstaltung: Abbas Khider liest aus Deutsch für alle – das endgültige Lehrbuch


Moderation: Ellen Schweda, 20.03.2019, 20.00 Uhr


Das Buch:
Abbas Khider: Deutsch für alle – Das endgültige Lehrbuch. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, Müchen 2019, 80 Seiten,


Die Rezensentin:

 

 

Paola Kirchhof

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