Inhalt ohne Form

Ein Plädoyer für das gedruckte Buch

Verdrängen werden die E-Books das gedruckte Buch in absehbarer Zeit wohl nicht. Diese Erkenntnis hat sich inzwischen auch bis zum allerletzten Prediger eines baldigen Untergangs des physischen, alt anmutenden Buches und des Aufstiegs der flachen, modernen E-Books durchgesetzt. Entwarnung sollte dennoch nicht gegeben werden, besonders nicht, wenn vernünftelnde Beschwichtigungen alá »Es kommt doch auf den Inhalt an und der bleibt schließlich gleich!« im Aufwind sind.
Misstrauisch machen sollte zuallererst der wohlwissende Ton, in dem Aussagen wie diese getätigt werden. Dabei ist das, was zuerst möglicherweise wie eine Binsenweisheit anmutet, in Wahrheit vor allem oberflächlich und dringt nicht zum Kern der Problematik vor. Natürlich entscheidet der Inhalt darüber, wie man ein Buch findet. Aber sollten wir uns deswegen dazu verleiten lassen, die Form als variable Leerstelle zu begreifen, die frei besetzt werden kann? Ist es stattdessen nicht gerade die Form, die dem Inhalt immer den Rahmen gibt und ihn so mitbestimmt?
Solche Fragen könnten den Anhaltspunkt geben, dass die Beziehung zum Medium Buch nicht unangetastet bleibt, wenn sich die Form maßgeblich verändert. Betrachtet man den Wandel von gedrucktem Buch zu E-Book, dann sollte zuerst auffallen, dass die Gegenständlichkeit eines Buches auch durch technische Spielereien nicht wiederhergestellt werden kann. Ein Buch stellt man ins Regal, nimmt es zu beliebigen Zeitpunkten heraus, um darin zu blättern oder nachzuschlagen, markiert und streicht sich einzelne Sätze an, macht Eselsohren an die Seiten, leiht es an Freunde aus oder verschenkt es. Manche von ihnen besitzen minimalistisch gestaltete Layouts, andere verblüffen mit nahezu künstlerischen Gestaltungen. Einige sind klein und passen in eine Hosentasche, andere dick und schwer wie Steine. Sie bereichern uns intellektuell, können aber auch einen Raum ästhetisch verschönern.
Dieses Lob auf gedruckten Text könnte jedoch die Fürsprecher eines technischen Fortschritts, der vor nichts Halt macht, nicht überzeugen. Deswegen sollte man sich den Einwand vergegenwärtigen, dass mit der Reduzierung der Form womöglich auch eine qualitative Herabsetzung des Inhalts einhergeht: Im Vergleich mit gedruckten Schriften deckt der E-Book-Markt nur einen winzigen Teil von Literatur ab. Womöglich liegt das nicht nur am relativ jungen Alter der vermeintlichen Innovation, sondern auch daran, dass Lesen auch unter keinen Umständen noch als fordernde, aber erfüllende Tätigkeit klassifiziert werden soll, sondern als Entspannung. Also fallen gleich die allermeisten Sachbücher weg, die keine Wohlfühl-Lebenshilfe bereithalten.
Nun ist erst einmal nichts dagegen einzuwänden, dass Lesen auch dazu dienen kann, einmal nicht zu schuften. Wer sich unter der Beschäftigung mit einem Buch jedoch nichts anderes vorstellen kann, als stumpfe Berieselung, lässt Lesen zu einem verkorksten Abziehbild der ehemals kultivierten Tätigkeit mutieren: Zu reinem Zeitvertreib, bei dem dann im Falle der E-Books große Klassiker der Weltliteratur und tiefgehende Abhandlungen im ständigen Kampf um Aufmerksamkeit mit Instagram oder Snapchat liegen.
Redet man so über die Vorzüge des Buchs, muss man sich wohl den Vorwurf gefallen lassen, das Medium allzu sehr in den Himmel zu loben. Doch zu den Einwänden gegen die Degradierung des Lesens zum Zeitvertreib, kommen weitere Schwierigkeiten digitaler Texte: Anstatt eine Vielzahl gebundener Seiten zu erwerben, erwirbt man mit einem sogenannten Reader zum Beispiel nur eine Lizenz für den Inhalt. Der jeweilige Rechteinhaber kann jederzeit beschließen, dass das Buch verändert, zensiert oder komplett vom Markt entfernt wird. Das mag erklären, warum die digitalen Versionen oft um einiges billiger zu erwerben sind, sollte aber nachdenklich stimmen, wenn Lesen nicht zu einer Art visuellem Streaming verkommen soll.
Außerdem ist es faglich, ob man sich auf ein E-Book mit ähnlicher Hingabe einlässt, wie auf ein physisch vorhandenes Buch: Dort ploppt nämlich nicht plötzlich Pop-Up-Werbung auf, es gibt keine technischen Schwierigkeiten oder dringende Updates, und andere Apps verlangen auch nicht nach unverzüglicher Beachtung.
Ein veraltetes, antiquarisches Image haftet vollen Bücherregalen heute zweifellos an, weswegen die klobigen Bücher immer mehr Menschen als Klotz am Bein vorkommen. Man möchte mobil und modern sein, muss vielleicht aufgrund immer prekärerer Arbeitsbedingungen oft umziehen – da ist das prallgefüllte Bücherregal schließlich auch nicht mehr von Vorteil und man starrt lieber stumpf auf Bildschirme.
Irgendwann wird wohl auch das zu viel und man liest lieber gleich nur noch Zusammenfassungen und Sekundärtexte – wenn überhaupt. Das ist wohl leider keine düstere Zukunftsvision mehr, sondern bereits bittere Realität. Spätestens jetzt also, wenn Bücher keine Erkenntnis, Reflexion und Weitsicht bietenden Welten mehr sein sollen, die mit anziehender Verlockung im Regal bereitstehen, sondern nette Gadgets auf leuchtenden Displays, sollte Skepsis angebracht sein.

Beitragsbild © Perfecto Capucine (Ausschnitt)
https://www.pexels.com/de-de/foto/ausbildung-bibliothek-bildung-bucheinbande-1329571/


Der Rezensent:

Nico Hoppe

Ein Gedanke zu „Inhalt ohne Form

  1. Der Inhalt ist der gleiche, wie gesagt wird und darauf kommt es an. Mir kommt das elektronische Lesen schon deswegen entgegen, weil ich die Schrift anpassen kann und zB damit ohne Brille lesen kann, was einfach angenehmer ist. Die andere Frage ist natürlich, was an Literatur langfristig griffbereit sein soll; das lässt sich aber kaufen oder aus der jeweiligen städtischen Bibliothek herunterladen. Die werden langfristig alles elektronisch verfügbar haben.
    Literaturinteressierte werden auch in Zukunft nicht zu “streamern”, aber viele Jüngere lesen leider heute schon überhaupt nicht mehr!

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