Ich hab da irgendwas in meiner Demokratie

Wahlkampf im Alten Gasometer Zwickau: sechs Poeten im Politik-Slam.

Schon seit Monaten grinsen Spitzenkandidaten von Laternenpfählen und Werbetafeln Passanten an; in ihren Social-Media-Beiträgen herrscht eine regelrechte Flut von markanten Slogans und Video-Clips. Keine Frage, der Wahlkampf zwischen den Parteien Deutschlands läuft auf Hochtouren. Kaum ein anderes Thema ist hierzulande derzeit so präsent wie die Bundestagswahl. Wem gebe ich am 24. Oktober meine Stimme? Welche Partei kann mich mit ihrem Programm überzeugen? Es mögen solche und ähnliche Überlegungen sein, die die Besucher des »Zwickauer Politik-Slams« an jenem Donnerstagabend bewegen.

Durch den Abend führt Toni Fischer, der zu Beginn noch einmal das Prinzip des Politik-Slams erklärt: Jeder Teilnehmer hatte die Aufgabe, sich literarisch mit dem Wahlprogramm einer ihm zugelosten Partei auseinanderzusetzen. Das Produkt wird in der ersten Runde präsentiert, und das Publikum muss anschließend erraten, welche Partei sich hinter welchem Text verbirgt.

Erik Leichter, der als gebürtiger Zwickauer auf der Bühne des Gasometers ein Heimspiel hat, eröffnet das Wortgefecht mit einem Appell für Gerechtigkeit und Zivilcourage nicht ganz ohne Zynismus. »Lobbyisten Spendengelder Bankenrettung«, hüstelt er und fügt hinzu: »Sorry, ich hab da irgendwas in meiner Demokratie und krieg es einfach nicht raus.«

Auch Fabian Navarro, erfolgreicher Slammer und Buchautor, ist mit von der Partie. Ein Plädoyer für die Leistungsgesellschaft trägt er heute vor. Durch Reime und rhythmisches Sprechen versprüht sein Beitrag über Digitalisierung und steigende Leistungsanforderungen einen Hauch von Lyrik.

Auf die Suche nach Inhalten im Programm einer konservativen Partei begibt sich Victoria Helene Bergemann. Sie erntet mit ihren teils kuriosen Ausführungen zu übersteigerter Religiosität in Bayern einiges Gelächter, übermitteln aber auch subtil eine Botschaft: Politik sollte sich nicht nur an den Belangen einer einzelnen Gruppe orientieren.

Der jüngste Slammer im Bunde ist gerade mal 17 Jahre alt. Das bedeutet aber nicht, dass Lucas Schemenz seinen Mitstreitern in Sachen Ausdruck und Bühnenpräsenz in etwas nachsteht. Im Verlaufe des Textes »Gabriel, die kleine Meerjungfrau, und sein Schulz- Eingeständnis« zeigt sich Lucas durch direkte Nennung des Parteinamens indiskreter als seine Vorgänger, was jedoch seiner durchaus gelungenen Kritik keinen Abbruch tut.

Mit Bonny Lycen ist auch eine Leipzigerin unter den Teilnehmern des Politik-Slams. Sie führt dem Publikum eine wahrhaft dystopische Welt vor Augen, wie sie bei der Nichtwahl ihrer Partei bevorstehen würde. »Die schlechteste aller Welten« zeigt Bonny eindrucksvoll durch konkrete Bilder von Umweltverschmutzung und Kriegen, die in beinahe apokalyptischen Zuständen mündet Gesellschaftskritik, die betroffen macht.

Beim Slam von Hank M. Flemming wird schnell offensichtlich, dass er sich mit dem Programm der AfD auseinandergesetzt hat. Sein Text über diese ohnehin im öffentlichen Diskurs heftig kritisierte Partei scheint großen Anklang im Publikum zu finden: Seine voller Inbrunst und mit einer gehörigen Portion Ironie vorgetragene Tirade über Flüchtlinge und Eliten wird immer wieder durch belustigtes Gelächter quitttiert.

In der Pause wird dann zur Wahlurne gebeten. Hier kann jeder Zuschauer für den überzeugendsten Slam abstimmen. Das Ergebnis dieser Wahl ergibt die Reihenfolge der Auftritte in der zweiten Runde. Ein weiterer interaktiver Aspekt des Konzeptes »Politik-Slam« wurde schon während der ersten Hälfte praktiziert: Via Smartphone konnte das Publikum zwischen den Darbietungen Fragen zu politischen Themen stellen, was eine zusätzliche Auflockerung des Abends darstellte.

Die zweite Runde hat wider Erwarten recht wenig mit Politik zu tun. Die nun folgenden Beiträge der Slammer behandeln ein selbst gewähltes Thema. Da folgen Texte über Liebe, Heimat und die sächsische Jugend. Sie sind äußerst unterhaltend und behandeln in gewissen Punkten doch gesellschaftlich relevante Themen wie Feminismus und Rassismus. Letztendlich entscheidet sich das Publikum mit tosendem Applaus für Hank M. Flemming als Sieger des Politik-Slams, der auch in der ersten Abstimmung überzeugen konnte.

Damit geht ein gelungener Abend zu Ende. Er war nicht nur unterhaltsam, sondern regte auch an vielen Stellen zum Nachdenken an. Kritik, egal wie spaßig verpackt, bot dem Zuschauenden viele Denkanstöße in puncto Wahl und Parteiprogramme. Mitmachen und mitdenken war hier die Devise und diese hat gut funktioniert.

Beitragsbild: Von links nach rechts: Toni Fischer, Lucas Schemenz, Erik Leichter, Fabian Navarro, Bonny Lycen, Victoria Helene Bergemann und Hank M. Flemming beim Zwickauer Politik-Slam . © Alter Gasometer e.V.


Die Veranstaltung: Der Zwickauer Politik-Slam, Moderation: Toni Fischer, Alter Gasometer Zwickau, 15.9.2017, 20 Uhr


 

 

Die Rezensentin: Sarah Kropf

 


Facebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.