Die Entdeckung von Machu Picchu zwischen Fakt und Fiktion

Sabrina Janesch liest aus ihrem Roman »Die goldene Stadt« und beantwortet Fragen im Gespräch mit Claudia Kramatschek.

Wie kommt man auf die Idee, mit einem Rucksack durch die Anden zu klettern und die Bibliothek von Lima zu durchforsten, nur um die Geschichte eines Fremden zu erzählen? – Eine von vielen Fragen, die nach der Lektüre von »Die goldene Stadt« unter den Nägeln brennen. Antworten findet man am Donnerstagabend auf der Lesung mit Sabrina Janesch, die damit die neue Saison im Leipziger Haus des Buches eröffnet – zur Feier des Tages sogar mit einer Leinwand, auf der die malerischen Fotos von Janeschs Recherchereise in Peru gezeigt werden.

»Die goldene Stadt« ist bereits der vierte Roman der in Münster lebenden Schriftstellerin, die Ende des Jahres den Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis erhalten wird, wie jüngst bekannt wurde. Mit einem sympathischen Lächeln sitzt sie nun am Pult, zu ihrer Linken die Literaturkritikerin Claudia Kramatschek, die sie mit Fragen und Gesprächsstoff durch die Lesung begleitet.

In Janeschs Roman wird die Geschichte von Rudolph August Berns erzählt – einem deutschen Abenteurer, Ingenieur und Freigeist, der in den 1880er Jahren als erster Europäer die Inkastadt Machu Picchu entdeckte. Hierbei handelt es sich um eine wahre Begebenheit. Gegen alle Hürden überquerte Berns den Atlantik und unternahm zahlreiche Expeditionen in den südamerikanischen Dschungel, bis er schließlich das unmöglich Geglaubte möglich machte und Machu Picchu fand.

© Rowohlt
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Viel mehr ist bis heute allerdings nicht bekannt, und so beschreibt Janesch in ihrem Roman mit einem unglaublichen Einfallsreichtum die Geschichte von Berns, wie sie hätte verlaufen können. »Man würde diesem Roman nicht gerecht werden, wenn man ihn nur als Abenteuergeschichte betitelte«, sagt sie selbst über ihr Werk, das Fakt und Fiktion meisterhaft vereint.

Während der Veranstaltung liest Janesch zwei Szenen aus dem Buch vor. Die erste schildert eine Episode aus der Jugend von Berns, in der der junge Protagonist sein Vorbild Alexander von Humboldt trifft, um mit ihm über sein größtes Interesse zu sprechen: die Kultur der Inka. In der zweiten Szene wird der Zuhörer mitgenommen auf die erste Expedition in den Dschungel, auf der Berns mit der Hitze, der Orientierungslosigkeit und einem Jaguar zu kämpfen hat.

Die Moderatorin stellt anschließend genau die Fragen, die den Zuhörer und Leser interessieren und hakt an den richtigen Stellen nach. Man erfährt, dass Janesch zum ersten Mal durch einen Zeitungsartikel auf Berns aufmerksam wurde, aber ihre Recherche schnell an Grenzen geriet. Dementsprechend entschied sie, selbst nach Peru zu reisen und der Sache auf den Grund zu gehen.

Die Autorin erzählt auch, wie sie ihre Kindheit zur Hälfte in Deutschland und zur Hälfte in Polen verbracht hat und sich nie vollständig beheimatet fühlte. Gerade deshalb, so scheint es, kann sie sich ausgezeichnet in diesen jungen Berns hineinversetzen, der immer auf der Suche ist nach seiner Bestimmung, den es nie an einem Ort hält. Damit hat Sabrina Janesch Rudolph August Berns auf eine unglaublich plastische und tiefgründige Weise zum Leben erweckt, wie es wahrscheinlich kaum jemand besser gekonnt hätte.

Während der gesamten Veranstaltung huschen die Blicke der Zuhörer immer wieder zu den präsentierten Fotos. Ohne dass man es kontrollieren kann, lösen die Passagen aus dem Roman und die Fotos auf der Leinwand ein Fernweh aus, sodass man nebenbei »Machu Picchu« in die Suchmaschine der Wahl eingibt und sich im nächsten Moment bereits durch die Anden wandern sieht. Der Abend endet mit einer lebendigen Stimmung und dem Geschmack von Abenteuer im Mund.

Beitragsbild: Sabrina Janesch (links) und Claudia Kramatschek (rechts) nach der Lesung. © Sarah Kollster


Die Veranstaltung: Sabrina Janesch liest aus Die goldene Stadt, Moderation: Claudia Kramatschek, Literaturcafé im Haus des Buches, 24.8.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Sabrina Janesch: Die goldene Stadt. Rowohlt, Berlin 2017, 528 Seiten, 22,95 Euro, E-Book 19,99 Euro


 

 

 

Die Rezensentin: Sarah Kollster

 


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