Der Comic im Feuilleton

Anspruch zwischen Bild und Text.

Bodo Kirchhoff mit »Widerfahrnis« und Frank Witzel mit »Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969« sind jedem Literaturfreund als Gewinner des Deutschen Buchpreises wohl bekannt. Ihnen gegenüber stehen Birgit Weyhe mit »Madgermanes« und Mawil mit »Kinderland« als Gewinner des Max-und-Moritz-Preises, der bedeutendsten deutschen Auszeichnung für Comicpublikationen. Der Unterschied dieser Preise und ihrer Preisträger liegt jedoch nicht in dem Anspruch oder gar der Qualität, mit welcher sie sich ihrer Erzählung widmen, sondern in ihrer öffentlichen Wahrnehmung. So wird Comics, trotz zunehmender Beliebtheit beim breiten Publikum, im Literaturbetrieb noch immer der Status von geistig ansprechender Literatur abgesprochen. Doch auch die literarisch hohen Sphären des Feuilletons beginnen, sich für die »Neunte Kunst« zu interessieren.

Immer häufiger schaffen es Vertreter der bildhaften Erzählung, von Kritikern wie Andreas Platthaus, Deutschlands bedeutendsten Comic-Kritiker, besprochen zu werden. Den ersten Schritt in das Bewusstsein des Feuilletons schaffte Will Eisner mit seinem Werk »Ein Vertrag mit Gott«, in welchem er 1978 mit literarischen Miniaturen von Bewohnern im New York der dreißiger Jahre berichtete. Mit diesem Erfolg etablierte sich auch der von Eisner zur Vermarktung eingeführte Begriff der Graphic Novel. Die Bezeichnung steht heute als Synonym für Erwachsenencomics und verspricht eine Handlung und Ästhetik abseits der Superheldencomics.

Nahezu jedes in der hohen Literatur behandelte Thema erlebt eine Wiederauferstehung und eine daraus resultierende Neuinterpretation zwischen Text und Bild – ob bewegend autobiografische Porträts wie das 2012 erschienene »Stiche« oder historische Ereignisse nachfühlende Werke wie »Barfuß durch Hiroshima«. Besonders beliebt ist im Feuilleton dabei die beiläufige visuelle Erzählung subtiler Handlungsstränge wie in Jason Lutes »Narren«. Hier wird die Geschichte des erfolglosen und um seinen Bruder trauernden Magiers Eddie erzählt. Während die Haupthandlung Eddies Weg zum Erfolg beschreibt, werden in einem nur über die Bilder transportierten Erzählstrang seine fortschreitende Depression und die Hoffnung auf Anerkennung dargestellt.

Noch stehen die Gewinner des diesjährigen Deutschen Buchpreises nicht fest. Die Wartezeit eignet sich jedoch hervorragend, um die deutsche Spitze einer verwandten und doch völlig neuen Art der Literatur kennenzulernen. Denn aus dem Literaturbetrieb wissen wir: Wenn es dem Kritiker gefällt, kann es nicht schlecht sein.

Beitragsbild © Sebastian Spindler


 

 

Marcus Klöppel

 


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