Vierzehn

Sommergewittermitregen passiert immer mal wieder in diesen Tagen. Das inspirierte unseren Redakteur Maurice, mal nicht zu rezipieren, sondern zu produzieren.

Im aufbrausenden, hochsommerlichen Gewittersturm sah ich, dem Regenguss voran, eine Flutwelle sich schieben. Keine monströse war’s, kein Tsunami, ja nicht einmal eine ordentliche Springflut. Drei Zentimeter in der Breite und allerhöchstens zwei gen grautrüben Himmel gluckerte sie im linken Gleis der Linie Vierzehn. Das gusseiserne Schmiedewerk war zum Kanal geworden für Teerkrumen, Pneufitzel und Rostspäne.

Voraus glitt die Welle. Es folgte der tosende Regenguss und trieb, lauter noch, die aufgebrachte Menschenschar vor sich: ein schauerlich orchestriertes Werk von aufschnappendem Regenschirm, raschelndem Plastikponcho, Gezeter und allenthalben der Ruf: »Es regnet! Sieh doch, es regnet!«, empört eher an den Regen selbst gerichtet denn an die Übrigen.

Auf dem Wellenkamm indes trieb neben dem Straßenstaub ein Zettel, ward mal höher geworfen, sank bald herab. Einmal sah ich ihn vor der Welle sich überschlagen, überrollt werden, verschwinden, fort; und doch, ein Blinzeln später trieb er schon wieder oben auf, nun zur Gänze durchtränkt. Es verschwamm ein blauer Schriftzug, für mich schon ob der Bewegung unkenntlich, doch nun ohne Widerruf.

Vermutlich war es Einbildung, doch ich meinte, die gelöste Tinte ins allgemeine Gekringel und Mäandern des Bächleins im Gleisbett sich mischen zu sehen. Einen bläulichen Schimmer schien der Zettel zu ziehen. Fast vermutete ich ein Widerstreben zu erkennen, ein Auflehnen gegen die Auflösung in der Reise, ein Verlangen nach einem letzten Leser. Gerade jedoch, als ich ihm entgegen vom Gehsteig stolperte, erblickte ich am Horizont, uns entgegenbrausend: die Vierzehn.

Und noch ehe ich’s recht begriffen hatte, war ich schon wieder auf dem Trottoir und umgeben von aufschnappenden Regenschirmen, raschelnden Plastikponchos und einem Krakele: »Es regnet! Sieh doch, es regnet!« Schon war der Zettel verschwunden aus meinem Auge und ich in der Menge und ihrem Gekringel und Mäandern.

Beitragsbild: Ausschnitt aus Edvard Munchs »Evening on Karl Johan Street«, 1892. © Public Domain, Wikimedia Commons (by Villy Fink Isaksen)


 

 

Maurice Pflug

 


 

 

 

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