Kolumne: Leihgaben

Über die Vor- und Nachteile von geliehenen Büchern.

»Also ich könnte das nicht!«, sagte vor Kurzem eine Kommilitonin zu mir, während meine Nase in einem Buch steckte. Ich blickte sie verwirrt und fragend an. »Na, ständig hast du ein geliehenes Buch in der Hand. Das ist doch eklig! Wer weiß denn, wer das vorher schon alles hatte … und wo.«

Meine Kommilitonin ist nicht die Erste, die mir in dieser Hinsicht in mein hygienisches Gewissen reden will. Allgemein scheint es hier eine heftige Grundsatzdiskussion zwischen Bücherkäufern und denen, die sie lieber leihen, zu geben. Die einen sehen es nicht ein, Geld für etwas auszugeben, das sie nur einmal benutzen. Die anderen können sich nicht vorstellen, etwas bereits von anderen Gebrauchtes in die eigenen heiligen vier Wände zu tragen.

Ich persönlich stehe irgendwie in der Mitte. Ich mag es, Bücher zu besitzen. Ich liebe den Geruch von einem frisch erstandenen Wälzer: Wenn man den Daumen an die Seiten legt, durchblättert und tief einatmet. Ein neues Buch ist immer etwas Reines, Unberührtes. – Gelesene Exemplare haben dagegen geknickte Cover und andere Macken. Allerdings weiß jeder, der einmal mit einem gut bestückten Bücherregal umgezogen ist, wie sehr einen gute Freunde hassen lernen, wenn sie beim Tragen die Bücherkiste erwischen. Wer wie ich sowohl schnell als auch viele Bücher verschlingt, weiß, wie stark das noch dazu ins Geld geht.

Ich gönne mir also von Zeit zu Zeit Bücher, die ich unbedingt besitzen möchte. Den Rest leihe ich aus. Und das sind über die Jahre, die ich schon in Bibliotheken angemeldet bin, viele hundert Exemplare. Bezahlen können hätte ich die alle nicht. Ab und zu haben sie einen Fleck, und bei ganz viel Pech grüßt eine mumifizierte Fliege auf Seite 34. Und ja, allgemein können die Bücher ganz schön abgegriffen sein, vor allem, wenn man beliebte Exemplare erwischt.

Ich glaube in diesem Fall aber an das Gute im Leser, wie ich auch Freunden vertraue, wenn sie sich ein Buch bei mir privat ausleihen. Jemand, der sich die Mühe macht, auf der Suche nach Lektürenachschub durch Bibliotheksregale zu pirschen und allgemein bibliophil zu sein scheint, der behandelt geliehene Werke doch hoffentlich wie ich: mit Respekt. Den haben übrigens alle Bücher verdient, neu oder alt.

Beitragsbild © Melanie Roeber


 

 

Melanie Roeber

 


 

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2 Gedanken zu „Kolumne: Leihgaben

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