Schicksale unter Trümmern

Iman Humaidan liest aus »Fünfzig Gramm Paradies« und beantwortet Fragen zum Leben im Libanon in der Zeit nach dem Bürgerkrieg.

Heiße Luft strömt durch die geöffneten Fenster in den Raum. Blanke Tische, einfache Stühle, keine Ablenkung von den Erzählungen der libanesischen Autorin Iman Humaidan. Die in Kooperation mit dem Haus des Buches stattfindende Lesung zu ihrem Roman »Fünfzig Gramm Paradies« lockt zahlreiche Zuhörer in das Orientalische Institut der Universität Leipzig. Humaidan liest und erzählt auf Arabisch, Walid Abdaljawad übersetzt für das deutschsprachige Publikum und Regina Karachouli, die das Buch ins Deutsche übertragen hat, gibt einen kurzen Einblick in die übersetze Version.

Am Pult sitzt eine ruhige, konzentrierte Frau, die dem Publikum in ihrer Muttersprache versucht zu erklären, welche Rolle der libanesische Bürgerkrieg bis heute für sie und ihre Literatur spielt. Sie berichtet von ihrer Kindheit in einem kleinen libanesischen Bergdorf mit Blick auf die laute Stadt Beirut. Trotz dieser Verbundenheit verwendet sie in ihrem Buch selten den Heimatbegriff, wenn es um den Libanon geht. »Das Schreiben ist meine wahre Heimat«, erklärt Humaidan. Der Krieg und dessen Folgen lassen sie dennoch nicht los und stehen im Zentrum ihres Schreibens.

Iman Humaidan, die in Beirut und Paris lebt, gibt in ihren Romanen vor allem Frauen eine Stimme. Warum? Etwa 17.000 Menschen gelten seit dem Bürgerkrieg, der von 1975 bis 1990 tobte, als vermisst. Unzählige Geschichten liegen irgendwo unter den Trümmern versteckt und warten darauf, dass jemand sie ausgräbt. Die Autorin weist darauf hin, dass der Krieg zwar vielleicht vorbei sei, die Geschehnisse und die Aufarbeitung ihrer Ursachen aber eine Wunde darstellen, die niemals vernarben werde. Der Kampf gegen die Verdrängung und das Vergessen solle nicht ruhen – und diesen Kampf kämpfen vor allem Frauen. Aus dieser Erfahrung heraus macht Humaidan Frauen zu den Protagonisten ihrer Geschichten und lässt sie auf die schonungslose Suche nach verschütteten Wahrheiten gehen – so auch in »Fünfzig Gramm Paradies«.

Dolmetscher Walid Abdaljawad (links) hört der Autorin Iman Humaidan (rechts) dabei zu, wie sie aus ihrem Buch liest. © Melanie Hirsch
Dolmetscher Walid Abdaljawad (links) hört der Autorin Iman Humaidan (rechts) dabei zu, wie sie aus ihrem Buch liest. © Melanie Hirsch

Als die eigentliche Lesung beginnt, wird das Publikum nach Beirut katapultiert: Nûra, eine syrische Journalistin, überlebt das erste Kapitel nicht. Sie wird während des Bürgerkriegs wegen eines Artikels ermordet, in dem sie einen skrupellosen Karrieristen bloßstellt. Ein kurzer Auftritt einer mutigen Frau, die eine so große Rolle in den weiteren Entwicklungen des Romans spielen wird. Maja, Libanesin und ebenfalls Journalistin, kehrt nach Kriegsende zurück nach Beirut, um einen Dokumentarfilm über den Wiederaufbau der Stadt zu drehen. In den Trümmern eines zerstörten Hauses findet sie eine abgewetzte Tasche gefüllt mit Briefen und Dokumenten, die einen Einblick in das Leben Nûras geben. Sie konfrontieren die Protagonisten als auch die Leser mit verschiedenen Schicksalen, die durch den libanesischen Bürgerkrieg gezeichnet sind.

© Lenos
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Zurück im Lesungssaal: Die Autorin erklärt den gespannten Zuhörern, dass dieser ausgeblichene Koffer in der Ruine als Metapher diene: die unterdrückten Stimmen und Erfahrungen des Bürgerkriegs, die eigentlich nicht laut werden sollen, würden hervorgeholt. Dem Vergangenen, das nicht der Vergangenheit angehören solle, würde Beachtung geschenkt. Die Spur einer Geschichte, die vergraben geruht hätte, werde verfolgt.

Iman Humaidan hat an diesem Abend Interesse wecken können. Die zurückhaltende und zugleich emotionale Art, von ihrem Leben, dem Krieg, der Nachkriegszeit im Libanon und ihrem persönlichen Bezug dazu zu berichten, ist fesselnd genug, um fehlende Bild- oder Tonaufnahmen nicht weiter zu vermissen. Den Zuhörern zeigt die Autorin nicht nur Facetten ihrer Biografie und ihrer Literatur, sondern gewährt zu einem gewissen Teil auch einen Blick unter die noch immer vorhandenen Trümmer des Krieges.

Beitragsbild: Iman Humaidan. © Tom Langdon


Die Veranstaltung: Iman Humaidan liest aus 50 Gramm Paradies, Moderation: Prof. Dr. Verena Klemm, Übersetzung: Regina Karachouli, Dolmetscher: Walid Abdaljawad, Orientalisches Institut, 20.6.2017, 19 Uhr

Das Buch: Iman Humaidan: Fünfzig Gramm Paradies: Roman aus dem Libanon. Lenos, Basel 2017, 267 Seiten, 22,00 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Melanie Hirsch

 


 

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