Born European

Gespräch mit LyrikerInnen auf dem Poesiefestival in Berlin über die große Idee Europas.

Brüssel, 19. Juni 2017. Politiker der britischen Regierung und der Europäischen Union versammeln sich, um einen Fahrplan für den Austritt Großbritanniens aus dem Staatenbündnis zu erstellen.

Berlin, 19. Juni 2017. Fünf LyrikerInnen aus Anrainerstaaten der Europäischen Union kommen in der Berliner Akademie der Künste zusammen, um über die Idee der Europäischen Gemeinschaft zu reden.

So unterschiedlich die Anlässe sind, werden in beiden Großstädten Europas heute ähnliche Fragen aufgeworfen: Ist das Konzept der EU alles nur eine große Täuschung, die sich nun in Abschottung, Uneinigkeit und Rechtspopulismus verwandelt?

Die »Tagesschau« wird die Verhandlungen in der Stadt des EU-Hauptsitzes als historischen Moment bezeichnen. Zum gleichen Zeitpunkt findet in Berlin unter dem Thema »Europa_Fata Morgana« das deutschlandweit größte Poesiefestival statt. Zum 18. Mal ist die Hauptstadt Gastgeber für mehr als 150 LyrikerInnen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Dichtkunst erlebbar zu machen und den Zugang zur poetischen Sprache zu eröffnen.

Bei der Veranstaltung »Auf ein Wort Europa« wird zur Debatte gestellt, ob die anwesenden renommierten DichterInnen die Idee Europas bejahen oder eher skeptisch sehen. Sie stammen aus den Anrainerstaaten Marokko, Mazedonien, Syrien, der Ukraine und (zukünftig?) Irland und können hierdurch eine fruchtbare Außensicht auf Europa einnehmen. Der Andrang auf die Veranstaltung fällt gering aus, wobei das schöne Wetter sicher keine geringe Rolle spielt. Die Gäste, die sich trotzdem auf den Weg gemacht haben, hören konzentriert zu, wie die DichterInnen Europa wahrnehmen. Sie sprechen vom magischen Geschmack des Kontinents in den Erinnerungen an die Süßwarenfabrik »Europa« in Mazedonien und von historischen Ereignissen, wie der Flucht der spanischen Bürger vor der Diktatur Francos, die auf Frankreichs geschlossene Grenzen stießen, aus denen wir schon hätten lernen können. Es geht um Grenzen, Terror und Schuldbewusstsein, aber auch um Sicherheit, Frieden und Offenheit. Die Europäische Union hat mehr als 500 Millionen Einwohner und mindestens genauso viele Themen, mit denen sich auseinandergesetzt werden muss.

Die LyrikerInnen des Abends betonen immer wieder, dass ihre Aufgabe dabei das Beobachten und Reflektieren der aufkommenden Probleme sei. Die ukrainische Künstlerin Iryna Tsilyk sagt beispielsweise, dass sie zwar keine Antwort darauf habe, wie Europa weiterhin funktionieren kann. Aber es müssen weiterhin Fragen gestellt werden, um sich so einer Antwort nähern zu können. »Was bedeutet es, UkrainerIn zu sein? Was bedeutet es, EuropäerIn zu sein?«, führt sie an. »Kennen wir uns gegenseitig? Und kennen wir uns überhaupt selbst?« Für den syrischen Lyriker Ghayath Almadhoun findet diese Suche in seinen Gedichten statt: »Ich verstehe mich selbst durch Poesie«, sagt er.

Veranstaltungsort des Poesiefestivals ist die Akademie der Künste in Berlin © Verena Meyer
Veranstaltungsort des Poesiefestivals ist die Akademie der Künste in Berlin © Verena Meyer

Dass Dichtkunst noch zu mehr fähig ist, wurde bereits auf der Eröffnungsveranstaltung des Festivals debattiert. John Burnside zufolge, der an der Veranstaltung »Weltklang« am Freitag teilnahm, können mit Poesie neue Denksysteme gefunden werden. Aus diesen könne dann gesellschaftlicher und politischer Wandel resultieren. »Für mich ist es tatsächlich so, dass das Erschaffen von Dichtung und das Erschaffen von Welt aufs Engste zusammenhängt«, wird der schottische Lyriker von der eröffnenden Lesung und Performance zitiert.

Nach dem heutigen Tag stehen nun die Schwerpunkte für weitere Brexit-Verhandlungen fest. Doch was auch feststeht ist, dass das europäische Bündnis bei jedem/r Einzelnen, dem eigenen Verhalten und der individuellen europäischen Wahrnehmung beginnt. Europa steht in seinem Ideal für Gemeinschaft, für Vertrauen, für grenzenlosen Austausch – das, was eigentlich Selbstverständlichkeit sein sollte, und zwar auch außereuropäisch. Vielleicht ist ein Ansatzpunkt wirklich in der Poesie zu finden, die unsere äußeren und inneren Welten wahrnehmen, reflektieren und so zu mehr Einheit führen kann.

Gegen Ende des Gesprächs äußert sich der irische Dichter Matthew Sweeney zum Brexit: »I was born European. And we are going to stay in the EU!« Wenn nur die Poesie das letzte Wort hätte.

Beitragsbild: V.l.n.r.: Matthew Sweeney, Yassin Adnan, Iryna Tsilyk, Ghayath Almadhoun und Nikolina Andova im Gespräch mit André Hatting. © Verena Meyer


Die Veranstaltung: Poesiegespräch »Auf ein Wort Europa« mit Matthew Sweeney, Yassin Adnan, Iryna Tsilyk, Ghayath Almadhoun und Nikolina Andova, Moderation: André Hatting, Akademie der Künste Berlin, 19. Juni 2017, 17.30 Uhr


 

 

Die Rezensentin: Verena Meyer

 


 

 

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