Kolumne: Wie riecht eigentlich ein Buchblog?

Vor zwei Tagen habe ich mir ein Wörterbuch von Langenscheidt gekauft. Ich bin mir nicht mehr sicher, warum ich das getan habe. Im Internet kann ich alles viel schneller nachschlagen. Hauptsächlich soll es mich wohl ermahnen, auch benutzt zu werden. In grellem Signalgelb steht es nun in meinem Regal und droht an, alsbald in Rot umzuschlagen. »Du hast dir vorgenommen diese Sprache zu lernen«, brüllt es, »nun tue es auch!« Wer gedacht hat, dass sich Wörterbücher kultiviert, gar distinguiert artikulieren, irrt gewaltig. Mein Langenscheidt klingt nach einer Chimäre aus Shia LaBeoufs Motivationsrede und J. K. Simmons in Whiplash.

»Wie klingt ein Wörterbuch?«, wäre eine Frage, die ausführlicher zu beantworten ein lohnendes Desiderat darstellte, doch kritisch Lesende haben an dieser Stelle unlängst bemerkt: »In der Überschrift geht es aber ums Riechen!« Sehr richtig, denn der gummierte Schutzumschlag des Wörterbuchs ist in jeder Hinsicht eine ästhetische Zumutung, denn zwischen abstoßendem Äußeren und angenommenem praktischen Nutzen besteht eine klare Korrelation, die sich Produktdesigner unlängst zunutze machen; vergleiche: Outdoorbekleidung. Überdies soll er mir auch durch seinen Duft den Schein von Sicherheit vermitteln. Als ich am Umschlag roch jedenfalls, stellten sich schlagartig Bilder von ersten Sommerurlauben ein. Ich dachte an frisch ausgezogene Schwimmflügel, die ja gerade dann besonders stark geruchlich wahrzunehmen sind, wenn sie von Sonnenmilch, Schweiß und Meersalz bereits leicht angelöst wurden. In Gedanken stand ich wieder im Keller der Bodensee-Wohnung meines Opas, wo Schiffsjacken, Schwimmwesten und Schlauchboote lagerten, deren Kernbestandteil jenes Material zu sein scheint, das man bei Langenscheidt als Einband verwendet. Mein Wörterbuch soll mir offenkundig den Eindruck vermitteln, im Zweifel mein Leben retten zu können.

Was haben diese Gegenstände gemeinsam? © Maurice Pflug
Was haben diese Gegenstände gemeinsam? © Maurice Pflug

Der olfaktorische Sinn kann Erinnerungen so unmittelbar erlebbar machen wie sonst nur Träume. Da wirkt es doch seltsam, dass das menschengeschaffene Mittel zum Festhalten der Erinnerung – die Schrift – gerade in dieser Hinsicht so eklatant zu versagen scheint. Spätestens seit Süskinds »Parfum« wissen wir doch, in welch grandiose Sphären uns gerade die Fährte der sublimsten, ephemersten Düfte zu locken vermag.

Auch wir bei »Leipzig lauscht« sind bei jeder Lesung mit einer einzigartigen Stimmung konfrontiert. Und wollen wir dann dieses feingliedrige Gebilde namens Atmosphäre nachfühlbar machen, so bleibt uns scheinbar nichts Besseres übrig, als zu erwähnen, wie laut das Publikum klatscht. Schluss damit! An der Sache ist etwas faul und das stinkt mir gewaltig. Ein paar Lauschende habe ich gefragt, wie das so riecht, womit sie sich auseinandersetzen. Am interessantesten wird es natürlich immer dann, wenn diese Dinge eigentlich überhaupt keinen Geruch haben. Hier ein paar Antworten:

 

Wie riecht eigentlich …

… eine Lesung?

»Etwa 350 Duftrezeptoren haben wir in unserem Körper. Doch welche benutzen wir eigentlich, wenn wir zu einer Lesung gehen? Das hängt sicher ganz vom Ort ab – die alten Dielen im historischen Saal oder der Duft, der mir im Café in die Nase steigt –, aber nicht weniger von Aftershave meines Sitznachbarn. Und ganz nebenbei kann ich herausfinden, ob der Autor und ich uns abseits der Lektüre auch riechen können.«

 – Lisa L.

… die Femme fatale?

»Eine Femme fatale riecht immer nach einem guten roten Lippenstift: cremig wie Theaterschminke. Wenn sie an dir vorbeigleitet, nimmst du einen Hauch von Haarspray wahr, und wenn sie etwas auf sich hält, auch eine Wolke edlen Parfums, die an dir vorbeizieht. Das kann dann nach Sandelholz riechen, nach Patschuli; anziehend schwer; blumig-süß bedrückend und in den meisten Fällen auch ein wenig gefährlich.«

– Lisa E.

… der typische Buchblog?

»Der typische Buchblog riecht wie die angeknackste Pressspanplatte des Bettes aus dem Ikea-ideales-Mädchenzimmer-Vorführraum (Breite: 1,40 Meter): ein wenig zu dick lackiert und blankpoliert; ein wenig zu steril. So verströmt er unterschwellig das aufdringlich intime Reinlichkeitsgefühl einer DM-Filiale, gepaart mit dem beißenden Propanolduft eines Desinfektionssprays gerade am Übergang zum Nagellackentferner. Doch Achtung: So riecht nur der typische Buchblog. Die meisten Buchblogs sind ganz untypisch und riechen nach Charakter: Moschus, Marzipan, Morgentau.«

– Theobald T.

…das gilbende Buch?

»Das gilbende Buch riecht nach vergangenen Lesestunden. Nach Pfefferminztee und Schokokuchen. Nach Herzschmerz und Tränen der Erleichterung. Nach schönen Momenten in wunderbarer Gesellschaft und gleichzeitiger absoluter Einsamkeit.«

– Leora K.

… die Fantasie?

»Fantasie riecht für jeden Menschen unterschiedlich. Sie kann nach Abenteuer riechen, nach frisch gemähtem Gras und Frühlingsluft oder nach schwerem Parfum und süßem Blumenduft. Der salzige Geruch der Fantasie kommt wie eine Welle auf offenem Meer langsam angerollt und man kann genauso auf ihr treiben und an andere Orte schwimmen. Es kommt besonders darauf an, den Geruch ganz tief einzuatmen, in sich aufzunehmen und ihn weiterzutragen – durch die ganz persönliche Geschichte hindurch.«

– Hannah K.

 

Beitragsbild: Jan Brueghel der Ältere: Der Geruch © The Yorck Project


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Maurice Pflug

 


 

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