Durch die Hölle zu sich selbst

Gusel Jachina im Gespräch mit Christina Links über ihren Debütroman »Suleika öffnet die Augen«, Jennipher Antoni liest Ausschnitte daraus.

Tatarien im Jahr 1930. Die Entkulakisierung in der Sowjetunion schreitet voran, und Millionen von Menschen werden unter der Diktatur Stalins verhaftet, enteignet, exekutiert und deportiert. Dieses Schicksal erfährt auch die tatarische Bäuerin Suleika, die bisher ein arbeitsreiches Leben unter der Herrschaft ihres Mannes und dessen tyrannischer Mutter geführt hat. Doch dieses patriarchalische Dasein ändert sich schlagartig, als ihr Mann von der »Roten Horde« erschossen und sie von den sowjetischen Soldaten über tausende Kilometer bis nach Sibirien verschleppt wird, um dort in einem Arbeitslager für ihre Feindseligkeit zu büßen.

Die russische Autorin Gusel Jachina beleuchtet in ihrem Debüt eine Zeit, die ihre Großmutter so miterlebt hat. Sie wurde bereits als Kind in die sibirische Taiga deportiert und lebte dort 16 Jahre in einem Arbeitslager. Die Erzählungen der Großmutter inspirierten Jachina zu ihrem Roman, für den sie daheim und international viel positive Kritik erntete und mit Preisen wie unter anderem dem russischen Nationalpreis Bolschaja Kniga belohnt wurde. Nun stellt die Autorin ihr Werk, das bereits in 26 Sprachen erschienen ist, im Literaturcafé im Haus des Buches vor. Und das in perfektem Deutsch, denn Jachina lernte die Sprache bereits in ihrer Kindheit von ihrem Großvater und studierte Germanistik und Anglistik in ihrer Heimatstadt Kasan. Im Gespräch mit Christina Links erzählt sie von den politischen Hintergründen, den tatarischen Bräuchen sowie den Lebensumständen der damaligen Zeit und gibt Einblick in die drei Hauptcharaktere des Buches.

© Aufbau Verlag
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Neben Suleika spielen der Kommandant Iwan Ignatow sowie ein ebenfalls verschleppter Arzt und geistig verwirrter Hochschulprofessor, Wolf Karlowitsch Leibe, eine wichtige Rolle. Mit ihnen erlebt die Muslima Suleika nicht nur eine geografisch schier unendlich scheinende Reise, sondern auch eine innere Wandlung. Die bisher unterdrückte Frau erlebt die Hölle auf Erden und wächst gleichzeitig an den Strapazen der Reise ins Ungewisse. Diese persönliche Veränderung und innere Befreiung der Frau stehen im Mittelpunkt des Romans. Die politischen Gegebenheiten hat die Autorin bewusst nur hintergründig beleuchtet.

Natürlich werden den zahlreichen Gästen an diesem Abend, von denen einige die russische Gesellschaftsliteratur noch aus ihrer eigenen Schulzeit kennen, auch ausgewählte Kapitelausschnitte präsentiert. Diese liest Jennipher Antoni mit kräftiger und geschulter Lesestimme. Schnell wird klar: Die Erzählung ist dicht, der bildhafte Schreibstil fesselt. Das Buch liest sich wie ein Film. Die Übergänge sind erstaunlich fließend, man rutscht förmlich von einer Szene in die nächste, ohne es zu merken. Da ist es nicht erstaunlich, dass die Pläne für eine Verfilmung bereits laufen. Das Drehbuch ist schon so gut wie fertig, verrät die Autorin. Sie hatte eine Visualisierung des Stoffes von Beginn an im Hinterkopf und absolvierte deshalb sogar die Moskauer Filmhochschule.

Ein Abschnitt aus dem letzten Teil des Buches bildet den Abschluss der Veranstaltung: Suleika geht im Wald auf die Jagd. Sie ist eins mit der Natur und fühlt sich »als Teil dieser großen, starken Welt, als ein Tropfen in diesem grünen Meer«. Suleika ist angekommen und lebt ein eigenständiges Leben, wie man es ihr von Beginn an wünscht.

Beitragsbild: Die Autorin Gusel Jachina (links) mit der Rezensentin (rechts). © Jasmin Bauer


Die Veranstaltung: Gusel Jachina in Lesung und Gespräch mit Christina Links, Moderation: Christina Links, Deutsche Lesung: Jennipher Antoni, Haus des Buches, 13.6.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen. Aufbau Verlag, Berlin 2017, 541 Seiten, 22,95 Euro, E-Book 16,99 Euro


Die Rezensentin: Jasmin Bauer


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