Mit dem Ellbogen voran

Fatma Aydemir liest im Haus des Buches aus »Ellbogen« und stellt sich den Fragen von Ulrike Feibig.

»Ich finde generell Frauen ein bisschen interessanter als Männer.« – Fatma Aydemir antwortet mit einem Augenzwinkern auf die Frage, warum ihr Debütroman gerade so viele weibliche und vor allem so viele starke weibliche Charaktere beherbergt. Es habe sich nun einmal so entwickelt, dass sie sich in die Frauen in ihrem Buch verliebt hat.

In »Ellbogen« sucht die anfangs 17-jährige Hazal Akgüngüz nicht nur nach ihrer eigenen Identität, sondern auch nach ihrem Platz in der Welt. Hazals Eltern kamen einst aus der Türkei nach Berlin, fühlen sich jedoch bis heute fremd in Deutschland. Und während an diesem Dienstagabend der Regen an die Fensterfront des Literaturcafés im Haus des Buches prasselt, lassen sich die gut 30 Zuhörer und Zuhörerinnen in den Berliner Stadtteil Wedding entführen. In derber Sprache gibt die Autorin Einblicke in das Seelenleben einer 17-Jährigen. Schon in der ersten Szene, die Fatma Aydemir liest, wird die innere Zerrissenheit und Heimatlosigkeit von Hazal deutlich: Familie Akgüngüz streitet um das TV-Programm, und es wird wild zwischen türkischen und deutschen Seifenopern hin- und hergezappt.

Es gibt jedoch noch ein weiteres Streitthema in der Familie, und zwar Hazals Zukunft. Die junge Deutsch-Türkin hat natürlich keine Lust auf Moralpredigten und vermeintlich gut gemeinte Ratschläge und möchte das, was die meisten Teenager möchten: Unabhängigkeit und Freiheit. Später wird dieser Drang auszubrechen in einem Strudel der Gewalt enden. Schauplatz ist ein Berliner U-Bahnhof. Hazal wird zur Täterin und flüchtet nach dem brutalen Vorfall nach Istanbul, in der Hoffnung vielleicht dort die langgesuchte Heimat zu finden.

Mit dieser Schlüsselszene begann der Entstehungsprozess von Fatma Aydemirs Debütroman, erzählt die Autorin. Eigentlich habe sie gar nicht geplant, fast die Hälfte des Buches in Istanbul spielen zu lassen. Durch das »Grenzgängerstipendium« war es der Journalistin möglich, ihre Arbeit als Redakteurin bei der Tageszeitung »taz« eine Zeit lang ruhen zu lassen und ein halbes Jahr intensiv in Istanbul zu recherchieren. Hautnah konnte Aydemir dort auch die Unruhen und die Atmosphäre rund um den gescheiterten Putschversuch miterleben. So verwundert es nicht, dass man diese politischen Entwicklungen in »Ellbogen« spürt.

Fatma Aydemir (links) und Ulrike Feibig (rechts) im Gespräch. © Clara Hagedorn
Fatma Aydemir (links) und Ulrike Feibig (rechts) im Gespräch. © Clara Hagedorn

Auch wenn Identitätssuche und Heimatlosigkeit scheinbar urmenschliche Motive sind, ist das Publikum an diesem Abend größtenteils weiblich. Könnte das damit zu tun haben, dass »Ellbogen« so starke weibliche Narrative enthält und ein klassischer männlicher Protagonist fehlt? Nun, als die Autorin aus einer Szene in Istanbul liest, in der es um Vergewaltigungen geht, steht ein Mann entrüstet auf, sucht sich pöbelnd seinen Weg aus dem sonst so friedlichen Literaturcafé und stürmt hinaus. Ist das Zufall? Fatma Aydemir regiert auf diese kurze Unterbrechung zumindest ziemlich cool und fragt lediglich, ob sich die Moderatorin das Buch gemerkt habe, das der etwas verwirrte Herr den beiden Autorinnen im Vorbeilaufen empfohlen hatte.

Tatsächlich endet dieser graue, verregnete Abend dann doch mit einem Happy End. Aber, so viel darf gesagt werden, Hazal findet in »Ellbogen« nicht ihre langersehnte Heimat. Vieles erscheint ihr fremd: »Die Wurst in meinem Sandwich schmeckte seltsam, ein bisschen so, wie ich mir Eselfleisch vorstelle.« Fatma Aydemir glaubt, dass der Mensch gar nicht zwingend eine Heimat braucht, um seinen eigenen Weg zu gehen. Mit einer kleinen Liebeserklärung an ihre Protagonistin beweist sie zum Abschluss, wie sehr sie die Figur der Hazal offenbar in ihr Herz geschlossen hat: »Wer in vier Wochen so viel erlebt und überlebt hat, der kann alles werden.«

Beitragsbild: Fatma Aydemir. © Bradley Secker


Die Veranstaltung: Fatma Aydemir liest aus Ellbogen, Gespräch: Ulrike Feibig, Literaturcafé im Haus des Buches, 6.6.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Fatma Aydemir: Ellbogen. Carl Hanser Verlag, München 2017, 272 Seiten, 20,00 Euro, E-Book 15,99 Euro


 

 

Die Rezensentin: Clara Hagedorn

 


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