Links und antisemitisch?

Herausgeber, Autoren und Betroffene geben einen Einblick in das Buch »Verheerende Bilanz – Der Antisemitismus der Linken« und diskutieren im Conne Island in Leipzig.

»Mit Nazis kann man nicht reden, die kann man nur schlagen.« Mit diesem Statement macht Wolfgang Seibert seine radikale Meinung schon zu Beginn der Veranstaltung deutlich. Seine Geschichte und die von Klaus Miklós Rózsa werden vorgestellt im Buch »Verheerende Bilanz – Der Antisemitismus der Linken«, das Anfang Juni erschien. Die beiden jüdischen Männer vereint eine linksradikale aktivistische Vergangenheit, die immer wieder von Abwendung gekennzeichnet war – nicht zuletzt durch den Antisemitismus, der in den Reihen einiger linker Parteien und Organisationen, in denen sich die beiden engagierten, Einzug gefunden hat. Sie erzählen an diesem Abend selbstreflektiert und direkt von ihren Erfahrungen. Daneben kommen im Conne Island die beiden Autoren des Buches Johannes Spohr und Nina Röttger sowie der Mitherausgeber der Reihe Sebastian Voigt zu Wort, der den Abend moderiert, wenngleich die aufregenden Biografien der Hauptpersonen einen großen Teil der Veranstaltung einnehmen.

Wolfgang und Klaus berichten aufgeschlossen und ehrlich über ihre früheren und aktuellen politischen Ansichten und ihre persönlichen Geschichten. So schildet Klaus, wie sein Vater als ungarischer Jude in verschiedene Konzentrationslager gebracht wurde. Mit den Erzählungen über ihre Kindheit und Jugend sowie die Eltern und Großeltern scheinen sich die beiden Männer warmzulaufen. Bald sieht man ihnen an, dass sie sich auf dem kleinen Podest wohlfühlen. In studentischer Manier trudeln zu diesem Zeitpunkt noch die letzten Interessierten ein, während andere sich bereits eine Zigarette genehmigen. Die Luft scheint immer dicker zu werden, und das leise Summen der Mikrofone füllt die kurzen stillen Momente in der dunklen Halle. Die einen halten sich noch an ihrer Bierflasche fest. Zur gleichen Zeit entstehen anderswo durch Mimik gesteuerte Diskussionen mit den Sitznachbarn. Das Thema bietet eine Menge Redebedarf, der sich auch im Publikum langsam niederschlägt.

© Neofelis Verlag
© Neofelis Verlag

Der Antisemitismus, der sich innerhalb der Linken in einem weitgehend den Hass auf Israel niederschlägt, gilt als ernstzunehmendes Phänomen: »Im Gewande einer vermeintlichen Kritik an Israel kehren nicht selten bekannte antisemitische Stereotype wieder. Insofern weist der Antizionismus immer eine offene Flanke zum Antisemitismus auf«, heißt es im Vorwort des Buches. Trotzdem versuchen die Protagonisten des Abends die Stimmung durch Witzeleien aufzulockern. Als der Mittsechziger Klaus, der zwar in Ungarn geboren wurde, aber seit Langem in Zürich lebt, mit seinem weichen schweizerischen Akzent verkündet, er sei heute noch ein gern gesehener Gast bei jeder Hausbesetzung, ist die Stimmung gelöst. Und nach einer Überleitung mit Fotos von Demonstrationen können Fragen aus dem Publikum gestellt werden.

Bereits am Anfang haben die Autoren klargestellt, dass es ihnen darum geht, mit der Niederschrift der biografischen Erfahrungen von Wolfgang und Klaus »mehr Irritation als Verständnis« zu stiften. Genau mit diesem Gefühl endet der Abend wohl für die meisten Zuhörer und Zuhörerinnen. Nachdem aus dem Publikum heraus die Frage aufkommt, wann überhaupt von »links« gesprochen werden kann und keiner der Anwesenden eine klare Antwort darauf gibt, geht die Mehrzahl mit einem Fragezeichen auf dem Gesicht nach Hause. Nicht ein Fragezeichen, das resigniert und das Interesse an der Thematik verloren hat, sondern eines, das Lust macht auf eine stärkere Auseinandersetzung mit »dem Antisemitismus« oder »der Linken«.

Beitragsbild: Das Conne Island ist ein »Zentrum von und für Linke, Jugend-, Pop- und Subkulturen« in Leipzig-Connewitz, also genau der richtige Ort für spannende Fragerunden und heiße Diskussionen. © Hannah Kurtze


Die Veranstaltung: Lesung und Diskussion: Verheerende Bilanz – Der Antisemitismus der Linken, Moderation: Sebastian Voigt, Conne Island, 7.6.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Johannes Spohr: Verheerende Bilanz – Der Antisemitismus der Linken. Klaus Rósza und Wolfgang Seibert zwischen Abkehr, kritischer Distanz und Aktivismus. Neofelis Verlag, Berlin 2017, 111 Seiten, 10,00 Euro


 

 

Die Rezensentin: Hannah Kurtze

 


 

 

 

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