Wir sind alle Lachse

Der letzte Westslam der Saison im Neuen Schauspiel Leipzig.

Das Neue Schauspiel ist voll an diesem Abend. Alle reden durcheinander, viele schauen dabei erwartungsvoll auf die Bühne mit der halb verputzten Ziegelsteinwand, auf der nur ein Sofa, ein Tisch und eine Kerze stehen. Andere huschen noch schnell raus zu Tante Manfred, der Theaterbar, um sich ein Getränk zu holen. Dann tritt Bleu Broode auf die Bühne, gut gelaunt wie immer, und es wird ruhig. Er knallt ein viel zu lautes »Hallo« ins Mikro und erklärt die Regeln des Slams: Es gibt drei Gruppen à drei Personen, aus denen je ein Gewinner in die finale Runde des Abends kommt. Der Publikumsapplaus entscheidet. Bevor die Slammer aber auf die Bühne dürfen, ist Lothar an der Reihe. Er begleitet den Abend musikalisch mit leicht melancholischen Liedern, die von durchgemachten Nächten handeln.

Dann betritt der erste Slammer David Weber die Bühne. Er hat einen fünfteiligen Text über den Lachs mitgebracht. Der Lachs habe nämlich viel mit Deutschland gemeinsam: »viel wandern, wenig ficken, früh sterben.« Außerdem, und das ist wohl die Bilanz seines politischen Textes, »ist der Lachs für den Braunbären eine leichte Beute«. Das Publikum kann es kaum fassen und bricht in Lachen aus. Bevor es sich wieder beruhigt, tritt schon der zweite Slammer auf die Bühne: Nicolas Wimmerling trägt ein Gedicht vor, das er neulich in einer Bar gegen eine CD getauscht habe. Es handelt von Zielen und Wegen. Unter dem Titel »Der heimliche Gärtner« schließt Kevin Fetzer die ersten Runde mit seinem Text über Freundschaft. Das Publikum jubelt David Weber in die finale Runde.

Den zweiten Durchgang eröffnet Josephine von Blütenstaub. Ihre Liebeserklärung an durchzechte Sommernächte, in denen man unsterblich ist, kommt gut an. Es scheint, als würden viele Zuschauer ihre Erfahrungen teilen, was sie mit Schmunzeln und Lachen belohnen. Nach ihr liest Anne-Christin Tannhäuser fünf kurze, sehr persönliche Gedichte. Es geht um Leipzig, Nord- und Südeuropa und ein »Eruptionsgewitter«. Ihre Vortragsweise beeindruckt, sie betont, dass einem ein Schauer über den Rücken läuft. Dann folgt eine Überraschung: Ein Mann läuft aus dem Publikum auf die Bühne. Werner James hat sich spontan gemeldet, weil ein Teilnehmer abgesprungen ist. Obwohl das Publikum Werners Einsatz feiert, entscheidet Ann-Christin Tannhäuser die zweite Runde für sich.

Nach einer Pause und einer musikalischen Einlage von Lothar geht es weiter mit Runde drei, die mit Matthias Kaak beginnt. Er erzählt von sinnlosem Blödsinn und davon, dass der gar nicht so sinnlos sein muss. Damit lässt er das Publikum verwirrt, aber amüsiert zurück. Jan Lindner setzt mit seinem Hörspiel über Dr. Zagota, der eine Therapiestunde mit dem Drogensüchtigen Hendrik abhält, noch eins drauf. Lindner verleiht jeder Figur durch das Spiel mit seiner Stimme einen eigenen Charakter. Das überzeugt so sehr, dass er am Ende Leonhard Göring und seinem gereimten Gedicht über den Wilden Westen den Rang abläuft und in die Endrunde applaudiert wird.

Das Finale beginnt mit David Weber, der wieder einen politischen Text vorbereitet hat: den Klageschrei von Heiko von der Leyen. Er zetert, dass seine Uschi den Bauch nicht voll kriegt, und kritisiert wild ihren Job als Kriegsministerin. Das Publikum kriegt sich kaum noch ein vor Lachen. Anne-Christin Tannhäuser bleibt bei ihren authentisch-persönlichen Gedichten: über Felder, Bewegung und Täler. Jan Lindner, der auch als Lektor arbeitet, verarbeitet seinen Job in »Schelektor Holmes ermittelt« und verarztet dabei einen hartnäckigen Patienten.

Die Entscheidung fällt dem Publikum schwer, denn es belohnt alle Finalisten mit einem großzügigen Applaus. Letztendlich konnte David Weber beim Zwei-Sekunden-Applaus aber die meisten dazu bringen, komplett auszurasten, zu gröhlen und zu klatschen, so laut es geht. Was bleibt ist die Erkenntnis, dass wir alle Lachse sind. Und ein weiterer Termin im Kalender: Am 9. Juni finden nämlich die Stadtmeisterschaften im Poetry-Slam statt – und da darf David Weber als Gewinner des Westslams sein Glück versuchen.

Beitragsbild: Bleu Broode (ganz links) mit den Westslam-Finalisten im Mai (von links nach rechts): Ann-Christin Tannhäuser, Jan Lindner und David Weber. © Marisa Becker


Die Veranstaltung: Westslam. Moderation: Bleu Broode, Neues Schauspiel Leipzig, 18.5.2017, 20 Uhr


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Die Rezensentin: Marisa Becker

 


 

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