Gestatten, Doktor Buch

Die Stadtteilbibliothek Plagwitz lud am Dienstagabend zur Veranstaltung »Bibliotherapie – Über das Wesen des Lesens« ein, ein Gespräch mit zwei Anglisten über den Heilmechanismus von Büchern, die Notwendigkeit ihrer Existenz und die unbegrenzte Liebe zum geschriebenen Wort.

Es riecht nach frischer Farbe und Plastik in der Stadtteilbibliothek Plagwitz. Sie wurde erst vor drei Wochen nach einjähriger Renovierung wiedereröffnet. Jetzt lebt der Bauhausstil des Gebäudes durch die quadratisch-statischen Formen der Innenausstattung auf. Im ersten Stock findet die Veranstaltung statt, in einer kleinen Leseecke in der Roman-Abteilung. Zwischen den preisgekrönten Büchern und den ausländischen Titeln stehen provisorisch ein paar Stühle. Die kleine Ecke platzt aus allen Nähten, denn gut 30 Buchbegeisterte jeder Altersklasse sind gekommen, um die Diskussion zu verfolgen. Die beiden Gesprächspartner Elmar Schenkel und Magdalena Kaminska sitzen auf einer niedrig angebrachten Fensterbank.

Elmar Schenkel ist Professor für Englische Literaturwissenschaft an der Universität Leipzig, Magdalena Kaminska ist ebenfalls Anglistin. Bereits zu Beginn der Veranstaltung betonen sie, dass sie zwar die Bibliotherapie als neuestes Konzept der Psychologie in ihren Grundzügen diskutieren wollen, aber an diesem Abend keine therapeutischen Wirkungen erzielen können. Bibliotherapie ist der Versuch, Krankheiten durch das Lesen bestimmter Bücher zu heilen. So soll zum Beispiel die Lektüre von »Anna Karenina« bei Zahnschmerzen helfen, weil man über den Herzschmerz der Protagonistin des Buches die eigenen Leiden vergesse.

An dem Abend geht es aber um mehr als Heilung durch Lektüre, es geht um das große Ganze des Leseerlebnisses. Und immer wieder werden neue Themen angeschnitten: Inwiefern lesen Frauen und Männer unterschiedlich? Welche Vor- und Nachteile haben E-Books gegenüber dem haptischen Buch? Und warum liest man überhaupt? Die letzte Frage wird im Plenum lebendig diskutiert. Eine pensionierte Frau erzählt mit strahlenden Augen, dass sie seit ihrem Renteneintritt das lesen kann, was sie möchte. Im Berufsleben war sie immer darauf angewiesen, sich durch Fachlektüre weiterzubilden, da blieb nicht viel Zeit für Freizeitliteratur. Eine Frau mittleren Alters berichtet tatsächlich mit Tränen in den Augen, dass Bücher ihr bereits in ihrer Kindheit geholfen haben, dem Alltag zu entfliehen.

Die ältere Dame ruft freudig dazwischen: »Das hier ist Bibliotherapie!« Einen Moment ist es still in der Bibliothek. Und tatsächlich, es fühlt sich so an, als wären für den Augenblick die Veranstaltungsbesucher zu einer Gemeinschaft verschmolzen, die alle dieselbe Leidenschaft teilen: das Lesen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich nach Ende der Diskussion Grüppchen von Menschen bilden, die sich vorher nicht kannten und nun über ihre Leseerfahrungen und ihre Lieblingsbücher sprechen. Auch wenn die Bibliotherapie offenbar keine Krankheiten heilen kann, so verschafft sie zumindest Linderung. Der Abend hat bewiesen, dass Bücherwürmer jeden Alters das Bedürfnis haben, sich mit anderen Lesebegeisterten auszutauschen. Veranstaltungen wie solche bieten den idealen Ort, um seine Passion mit anderen zu teilen.

Beitragsbild: Elmar Schenkel (links) und Magdalena Kaminska. © Henrieke Schröder


Die Veranstaltung: Gespräch: Bibliotherapie – Über das Wesen des Lesens, Stadtteilbibliothek Plagwitz, 9.5.2017, 20 Uhr


Henrieke Schröder_Profilbild

 

 

Die Rezensentin: Henrieke Schröder

 


Facebooktwitter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.