Der Freund und Helfer

Ein ehemaliger Hauptkommissar berichtet vom Alltag im Kiez Neukölln.

Am Freitagabend verabschiedet sich der zweite Messetag langsam in die Nacht. Die orangefarbenen Straßenlaternen heben sich vom wolkenlosen Abendhimmel ab. Das Team der Kanzlei Viehweger, Hartmann und Partner begrüßt die ersten Gäste zur heutigen Lesung. Es ist ein herzliches Willkommen in einer geschmackvoll eingerichteten Kanzlei. Schwarze Regale voller Gesetzestexte rahmen die Veranstaltung ein, und das nicht ohne Grund: Ein ehemaliger Polizist stellt hier sein drittes Buch vor.

Die Lesung ist gut besucht. Karlheinz Gaertner sitzt schon mit aufgeschlagenem Buch bereit, da drängen noch Gäste in den Raum. Rechtsanwalt Jochen Geyer begrüßt das Publikum und stellt den Autor vor. Anschließend lädt die Zuhörer ein, nach der Lesung bei einem gemeinsamen Umtrunk die Diskussion zu suchen. Die ungewöhnliche Gastfreundschaft stößt auf ein positives Echo.

Gaertner mit seinem Buch. © Ariane J. Hoch
Gaertner mit seinem Buch. © Ariane J. Hoch

Karlheinz Gaertner war über 40 Jahre in den Stadtteilen Berlins als Polizist tätig, die medial immer wieder negativ auftauchen. Er wird die Rütli-Schule erwähnen, die Mai-Krawalle, Räumungen besetzter Häuser und den KaDeWe-Überfall. Gaertner liest aus vier verschiedenen Themenkomplexen seines Buches vor. Zu Beginn berichtet er ungeschönt von Überfällen und Abziehtaten. Es folgt ein harter Schnitt zum zweiten Thema Kindesmissbrauch. Dann wendet er sich dem organisierten Verbrechen von arabischen Clans zu. Zuletzt liest er über die Gewalt, mit der sich Polizisten, Rettungshelfer und Feuerwehrmänner konfrontiert sehen. Immer wieder sorgen seine Ausführungen über die erlebten Gewalttätigkeiten für Kopfschütteln und Schnauben im Publikum.

Während er liest, packen ihn die eigenen Emotionen. Er verliert schon mal die Zeile aus den Augen. Da will er lieber berichten als vorlesen. Alltag ja, Alltagstrott niemals. Zu sehr brennt ihm die Diskrepanz zwischen der Behandlung der Täter vonseiten des Staates und der Vernachlässigung der Opfer unter den Nägeln. Das liberale Rechtssystem lasse die Leiden der Opfer in den Hintergrund geraten, sagt er. Beispiele nennt er zuhauf.

Die Momente, in denen er frei redet, sind die besten der Lesung. Der Text für sich kann populistisch gedeutet werden. Aber wenn Gaertner weiter ausführt, erkennt man, dass er nie ganze Gruppen über einen Kamm schert, sondern das Verhalten einzelner Personen herausarbeitet. Auch die mangelnde Bereitschaft innerhalb der Politik, den dringenden Handlungsbedarf einzusehen, lässt er nicht unerwähnt. Er weist mit vielen kleinen Beispielen auf Fehler im Justiz- und Sozialsystem hin, die Kriminelle zu ihrem Vorteil auszunutzen wissen. Dabei bleibt er sachlich, zieht das Thema nicht auf die persönliche Ebene. Doch es ist ihm deutlich anzumerken, wie stark ihn die Ungerechtigkeit wurmt, die ihm jahrelang begegnet ist.

© Orell Füssli
© Orell Füssli

Die anschließende Diskussion enthält auch die Frage, was ihm trotz ernüchternder Resultate Motivation gegeben hat, seine Arbeit bei der Polizei fortzusetzen. Er sehe den Polizisten immer noch als Freund und Helfer, antwortet Gaertner. Dies beinhalte auch, Ansprechpartner zu sein in Belangen der Opferhilfe und -vorsorge. Er arbeite gegen die Ungläubigkeit an, die manche Personen in Bezug auf kriminelle Täter vertreten.

So richtig hat Gaertner nach seiner Pensionierung die Aufklärungsarbeit nicht an den Nagel gehangen. Er sucht den direkten Austausch mit seinen Mitmenschen weiterhin, nicht nur mithilfe von Büchern und Lesungen. So weist er ganz dezent mehrmals auf die Stadtführungen hin, die er über seine Webseite unter dem Motto »Crime & Wein« in Neukölln organisiert. Heute endet der Abend nicht mit Wein, sondern mit Sekt und Brezeln, aber viel wichtiger ist: Er führt zu einem Diskurs.

Beitragsbild: Karlheinz Gaertner liest aus seinem aktuellen Buch. © Ariane J. Hoch


Die Veranstaltung: Karlheinz Gaertner liest aus Sie kennen keine Grenzen mehr, Rechtsanwälte Viehweger, Hartmann und Partner, 24.3.2017, 19.30 Uhr

Das Buch: Karlheinz Gaertner: Sie kennen keine Grenzen mehr. Orell Füssli Verlag, Zürich 2017, 248 Seiten, 19,95 Euro


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Die Rezensentin: Ariane J. Hoch

 


 

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