Im Nachtbus nach Mitte

Martin Jankowski und Birger Hoyer sammeln Gedichte zum Thema Berlin.

© Verlag für Berlin-Brandenburg
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Die Stühle sind noch warm von der vorherigen Lesung , die Autorin noch gar nicht richtig von der Bühne, da stehen bereits Menschenmassen für die nächste Veranstaltung an. Ungewöhnlich für eine Lyriklesung, deren Besucher meist nur müde Messebesucher auf der Suche nach einem Sitzplatz sind. Aber dieses Publikum ist anders. Neben den klassischen Mittfünfzigern sieht man erstaunlich viele junge Leute. Könnte das Thema gelockt haben? Immerhin geht es um Gedichte über unsere Hauptstadt. Martin Jankowski, einer der beiden Herausgeber, erklärt die Intention hinter der Gedichtanthologie. Über 50 Autoren der Gegenwart sind mit ihren Gedichten vertreten. Zusammen sollen sie dem poetischen Berlin eine Stimme geben. Wie klingt Berlin?

Max Czollek ist nur eine von vielen Stimmen. Er liest sein Gedicht »friedhof weißensee« und verzichtet dabei komplett auf Reime. Seine Gedichte sind Impressionen von Berlin, die erst gelesen zu Lyrik werden. Bei Tanja Dückers sieht es ähnlich aus. Die Autorin ist insgesamt fünf Mal im vorgestellten Buch vertreten und nimmt damit einen besonderen Platz ein. Ihr Gedicht »Irgendwo zwischen Stoppschild und Einfahrt« hinterlässt Gänsehaut. Beschrieben wird eine Kreuzung in Berlin, auf der fast täglich ein tödlicher Unfall geschieht. Es braucht nicht viele Worte: ein Fahrrad, ein Lkw, Schlüssel, Münzen, Pfefferminzdrops, Taschentücher am Gullirand. Ihre Gedichte zeichnen Bilder in den Köpfen der Zuhörer. Inzwischen wagt niemand mehr auf sein Handy zu schauen. Sogar die neuen Zuhörer, die auf dem Boden Platz genommen haben, verharren lieber in ihren unbequemen Positionen, als die Lyrikerin jetzt durch ein Geräusch abzulenken. Der Techniker, der während der Lesung hinter den Autoren nach Wasserflaschen sucht, stört da etwas.

Martin Jankowski (links) und Tanja Dückers (rechts). © Caroline Christen
Martin Jankowski (links) und Tanja Dückers (rechts). © Caroline Christen

»Charité«, »Achsen« und »Networks« liest Tanja Dückers aus der Anthologie, dann übergibt sie wieder an Martin Jankowski. Ob man nach dem Buch wisse, wie der aktuelle »Sound von Berlin« sei, lässt der Herausgeber offen. Sein Kollege Birger Hoyer grinst wissend in der ersten Reihe. Nach dem Applaus wird das Publikum auch schon aufgescheucht. Die nächste Lesung kündigt sich in Form von drängelnden Menschen an. Kaum aufgestanden, ist der Platz auch schon wieder weg. Bis zum Abend können sich die Messebesucher in Halle 5 auf warme Stühle freuen.

Beitragsbild: © Caroline Christen


Die Veranstaltung: Lesung mit Tanja Dückers, Max Czollek, Martin Jankowski, Birger Hoyer, Moderation: Martin Jankowski, Leipziger Buchmesse, Halle 5/D430, 25.3.2017, 12.30 Uhr

Das Buch: Martin Jankowski, Birger Hoyer: Nachtbus nach Mitte, Berliner Gedichte von heute. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2016, 184 Seiten, 18,00 Euro


 

 

Die Rezensentin: Caroline Christen

 


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